Um ihre eigene Sprachlosigkeit zu übertünchen, hatte sich die SPD-Führung ein paar Vergleiche überlegt. Andrea Nahles, die Parteivorsitzende, nannte den bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder am Freitag einen "Bonsai-Trump". Und Vizekanzler Olaf Scholz sprach angesichts des inzwischen völlig verhärteten Streits der Union um die Flüchtlingspolitik von einer Folge Games of Thrones.

Blutige Machtkämpfe und viel Sex vor Mittelalterkulisse? Eine kleinwüchsige Kopie des US-Präsidenten in Bayern? Offenbar wollten Nahles und Scholz mit ihren schiefen Bilder klarmachen, dass die Union sich lieber mal verantwortlich verhalten solle, statt durch einen Machtkampf die ohnehin schon mühsam ausgehandelte Regierung aufs Spiel zu setzen.

Die Sozialdemokraten in der Rolle der Vernünftigen, CDU und CSU beinahe unberechenbar: Eigentlich hatte die SPD lange auf einen solchen Moment gewartet. Während über jeden Streit in ihrer Partei ausführlich berichtet werde, würden die Machtkämpfe in Merkels Union nicht ernst genug genommen. Das war bereits im Bundestagswahlkampf eine häufige Klage von SPD-Politikern.

SPD will eine weitere Eskalation vermeiden

Nun ist es richtig ernst in der Union und alle haben es mitbekommen. Aber die Sozialdemokraten können davon nicht profitieren. Sollten sich CSU und CDU nicht bis Montag einigen, könnte die Koalition zerbrechen und Merkel hinwerfen, es könnte eine Neuwahl geben und die SPD von der negativen Dynamik mitgerissen werden.

Außer Appellen an die Verantwortung der Regierung in weltpolitisch bewegten Zeiten war vom kleinen Regierungspartner in den vergangenen Tagen wenig zu hören. Die Partei- und Fraktionsführung erklärte, man müsse erst einmal abwarten, bis sich die Union sortiert. Erst wenn ein möglicher Kompromiss vorliege, habe man sich dazu als Regierungspartner zu verhalten, vorher nicht.

Und, so beteuern mehrere Genossen, sei es sehr ärgerlich, dass ihre Partei wieder nur auf Entwicklungen reagieren und nicht eigene Akzente setzen könne. Doch es sei sinnlos, in den Streit einzugreifen. Das würde am Ende eine Lösung nur weiter erschweren. Der Streit zwischen CSU und CDU sei eher grundsätzlich. Da wolle die SPD lieber nicht mit hineingezogen werden, es gehe darum, eine weitere Eskalation in jedem Fall zu vermeiden. "Das warten wir mal ab", sagte Nahles auf die Frage, ob die SPD in diesem Streit eigentlich überhaupt keine Optionen habe. All das lässt offen, ob die Partei notfalls bereit wäre, einen wie auch immer gearteten Kompromiss mitzutragen oder nicht.

Noch zwei Wochen durchhalten

Am kommenden Freitag wäre die Große Koalition, die die SPD so lange nicht wollte und die Union schon, 100 Tage im Amt. Gerade hatten die Sozialdemokraten ihren ersten größeren Erfolg gefeiert: Das Rückkehrrecht von Teilzeit auf Vollzeit wurde im Bundeskabinett nach langem Streit beschlossen. Arbeitsminister Hubertus Heil sprach von einem Meilenstein für Frauen, vor allem für jene Mütter, die nach ein paar Jahren wieder im Beruf durchstarten wollten und nun einen Rechtsanspruch darauf bekommen sollen.

Die SPD-Minister haben sich eingelebt in ihren Ämtern. Der Plan war: Noch zwei Wochen durchhalten, dann Kraft schöpfen in der Sommerpause, zur Ruhe kommen nach den letzten zwölf Monaten und dann im September mit voller Konzentration weiterarbeiten. Dann würde man auch den Kritikern in den eigenen Reihen zeigen, dass Regieren den Unterschied macht. Ein Bruch der Regierung käme zur falschen Zeit.