Janine Wissler ist Spitzenkandidatin der hessischen Linken bei der Landtagswahl in diesem Herbst. Die 37-jährige Politikwissenschaftlerin ist seit zehn Jahren Mitglied des Landtags und fast genauso lange Vorsitzende der linken Landtagsfraktion. Auf dem Parteitag in Leipzig am Wochenende wurde sie mit dem besten Ergebnis aller für einen Posten antretenden Kandidaten zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt.

ZEIT ONLINE: Frau Wissler, der Parteitag der Linken stand ganz im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und der Parteispitze. Sie gehören der Linken seit ihrer Gründung an und kennen Wagenknecht und Ex-Parteichef Oskar Lafontaine seit Langem. Sind die beiden in den vergangenen Jahren nach rechts gerückt?

Janine Wissler: Ich tue mich immer schwer, die Begriffe rechts und links innerhalb der Linken zu verwenden. In der Flüchtlingspolitik gibt es inhaltliche Differenzen zu Lafontaine und Wagenknecht. Im Erfurter Programm haben wir klar festgelegt, dass wir offene Grenzen wollen, Abschiebungen ablehnen und das Asylrecht in der Form, wie es vor 1992 war, wiederherstellen wollen. Das ist für mich die Richtschnur, und das hat der Parteitag mit dem Leitantrag gerade noch mal bestätigt. An diesen Positionen sollte jetzt nicht weiter gerüttelt werden. Wir sollten die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellen, denn die Linke ist die einzige Partei im Deutschen Bundestag, die alle Asylrechtsverschärfungen abgelehnt hat, und das immer einstimmig.

ZEIT ONLINE: Die beiden Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger haben bei ihrer Wiederwahl ja keine besonders guten Ergebnisse bekommen. Sehen Sie die Parteispitze jetzt als geschwächt?

Wissler: Der Parteitag hat den Leitantrag, in dem die inhaltliche Ausrichtung der Partei speziell bei dem Thema offene Grenzen sowie die Frage, wie wir mit dem Rechtsruck in der Gesellschaft umgehen, beschrieben wird, fast einstimmig beschlossen und damit den politischen Kurs der Vorsitzenden bestätigt. Es hat auch niemand gegen die Parteivorsitzenden kandidiert, das wäre ja auch denkbar gewesen. Die beiden haben eine deutliche Mehrheit bekommen, aber die Delegierten haben auch ihren Unmut über den öffentlich ausgetragenen Streit zum Ausdruck gebracht. Wir müssen aufpassen, dass wir über diese Auseinandersetzungen nicht Die Linke an sich schwächen.

ZEIT ONLINE: Auf dem Parteitag ist sehr deutlich geworden, dass die Frage, was man unter offenen Grenzen versteht, innerhalb der Linken unterschiedlich beantwortet wird. Was verstehen Sie darunter?

Wissler: Für mich gehört es zum linken Selbstverständnis, dass wir für offene Grenzen für alle Menschen eintreten müssen. Natürlich bin ich der Meinung, dass momentan die Wiederherstellung des Asylrechts, die Verwirklichung des Familiennachzugs und der Stopp der Sammelabschiebungen nach Afghanistan vorrangig sind. Außerdem brauchen wir sichere Fluchtwege und wir müssen Fluchtursachen wie Hunger, Krieg und Umweltzerstörung bekämpfen. 

ZEIT ONLINE: Offene Grenzen heißt für Sie aber, jeder, der will und es schafft, kann nach Deutschland kommen, hier Arbeit suchen und möglicherweise auch Sozialleistungen beziehen?

Wissler: Es gibt einen Unterschied zwischen Positionen, an deren Umsetzung wir jetzt im Moment ganz konkret arbeiten, und solchen, die unser Selbstverständnis beschreiben. Man kann auch Lohnarbeit grundsätzlich als eine Form von Ausbeutung infrage stellen und trotzdem mit den Gewerkschaften um höhere Löhne kämpfen. Es gibt konkrete Verbesserungen, die wir als erste Schritte vorschlagen, wie die Ermöglichung des Familiennachzugs, und solche, die weitergehend aber ebenso richtig sind. Und so allein stehen wir mit der Forderung nach offenen Grenzen gar nicht da: Nehmen Sie den Bürgermeister von Palermo auf Sizilien. In dessen Hafen kommen jeden Tag Hunderte oder Tausende Flüchtlinge an. Und trotzdem sagt der: Sein Ziel ist, dass Freizügigkeit ein universelles Menschenrecht ist. Dieses linke Selbstverständnis zu formulieren, dass der Mensch zählt und nicht der Pass, dass kein Mensch illegal ist, finde ich wichtig und entscheidend, auch wenn es erst mal um Zwischenschritte dorthin geht. Im Übrigen will und wird nicht jeder nach Deutschland kommen. Die Menschen, die fliehen, haben dafür sehr ernste Gründe.

ZEIT ONLINE: Sie sind Spitzenkandidatin der Linken im hessischen Wahlkampf. Kann man mit so einer Position erfolgreich sein?

Wissler: Ich glaube, dass es eine ganze Menge Menschen gibt, die das durchaus richtig finden. Es gibt in diesem Land schließlich viel mehr Flüchtlingshelfer als Anhänger von Pegida.

"Man muss sich fragen, wie man seiner Partei am besten helfen kann"

ZEIT ONLINE: Mit welchem Ziel gehen Sie in die Landtagswahl? Wollen Sie regieren?

Wissler: Unser erstes Ziel ist, dass die Linke im Landtag stärker wird. Was das Regieren angeht, kommt es immer auf die Inhalte an. Wir haben ja in Hessen zweimal sehr ernsthaft die Chancen für Rot-Rot-Grün sondiert. 2008 waren wir kurz davor, die damalige hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin zu wählen. Das ist bekanntlich nicht an den Linken, sondern an SPD-Abgeordneten gescheitert. 2013 haben wir noch mal sehr lange sondiert, bevor die Grünen sich für die CDU entschieden haben. Wenn es eine rot-rot-grüne Mehrheit geben sollte, sind wir zu Gesprächen bereit. Die Rolle der Grünen in den letzten fünf Jahren in der schwarz-grünen Landesregierung hat mich aber nicht optimistischer gemacht, dass das diesmal klappt.

ZEIT ONLINE: Was wären denn die größten Schwierigkeiten bei der Bildung einer rot-rot-grünen Koalition?

Wissler: 2013 war ein Streitpunkt, dass wir gesagt haben, Stellenabbau im öffentlichen Dienst, Sozialabbau und Privatisierungen tragen wir nicht mit. Die Frage, ob man Geld in die Hand nimmt und Investitionsprogramme auflegt oder die Infrastruktur verrotten lässt, war auch ein wichtiger Punkt.

Auf dem Parteitag in Leipzig saß Janine Wissler (links) mit Parteichefin Kipping (stehend) und Fraktionschefin Wagenknecht (rechts) in der ersten Reihe. © Britta Pedersen/dpa

ZEIT ONLINE: Womit wollen Sie im Landtagswahlkampf punkten?

Wissler: Unser Oberthema ist immer die soziale Gerechtigkeit. Die Wohnraumsituation ist besonders in den Universitätsstädten sehr angespannt. Seit den Neunzigerjahren hat sich die Zahl der Sozialwohnungen in Hessen halbiert. Ein anderes wichtiges Thema ist gute Arbeit. Jeder fünfte arbeitet in Hessen zu Niedriglöhnen, jeder siebte ist von Armut bedroht. Außerdem wird die Bildungspolitik eine wichtige Rolle spielen. Der Zugang zu Bildung ist nach wie vor abhängig von der Herkunft, zudem gibt es einen Lehrermangel in Hessen. Hier hat die Landesregierung bei der Planung versagt.

ZEIT ONLINE: Warum sind die Linken in Hessen stärker als in anderen westdeutschen Bundesländern, wo die Partei in den vergangenen Jahren ja häufig den Ein- oder Wiedereinzug in die Landesparlamente verpasst hat?

Wissler: Die Linke hat in Hessen eine sehr starke gewerkschaftliche Verankerung, das gibt uns einen wichtigen Rückhalt. Wir sind aber auch mit vielen Bewegungen verbunden, ob es die Bewegung gegen den Flughafenausbau ist oder eine andere. Und die Arbeit der Landtagsfraktion seit nunmehr zehn Jahren ist natürlich auch wichtig.

ZEIT ONLINE: Sie selbst hätten auch für den Bundestag kandidieren können. Warum haben Sie sich dafür entschieden, in Hessen zu bleiben?

Wissler: Ich glaube, dass ich in Hessen gerade besser eingesetzt bin. Man muss sich fragen, wo man einer Partei am meisten helfen kann, und ich will dazu beitragen, dass wir 2018 zum vierten Mal in den hessischen Landtag einziehen.