Albrecht von Lucke, Jahrgang 1967, ist Jurist und Politologe. Seit 2003 ist er Redakteur der politischen Monatszeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik". Mit der Situation der linken Parteien in Deutschland hat er sich in seinem 2015 erschienen Buch "Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken" befasst.

ZEIT ONLINE: Herr von Lucke, die Fraktionschefin der Linkspartei, Sahra Wagenknecht, hat ihrer eigenen Partei Versagen vorgeworfen: Sie habe nicht verhindert, dass Menschen zu den Rechten überlaufen. Ist das berechtigt?

Albrecht von Lucke: Mit Blick auf die vergangenen Jahre kann man ein großes Scheitern der Linken konstatieren. Die Linkspartei war ja der Versuch, Stimmen jenseits der Sozialdemokratie zu sammeln und so die SPD von links massiv unter Druck zu setzen. Das ist gescheitert, denn die knapp zehn Prozent, die die Linkspartei heute hat, sind nicht das, was sich deren früherer Chef, Oskar Lafontaine, mit dem anmaßenden Namen "Die Linke" erhofft hatte. Dass die Linkspartei keine Antwort auf die Herausforderung durch die AfD gefunden und sogar ihren Nimbus als "die" Protestpartei verloren hat, kommt noch erschwerend hinzu. Wenn Wagenknecht und Lafontaine nun versuchen, eine neue Sammlungsbewegung zu gründen, ist das insofern auch Ausdruck des eigenen Versagens.

ZEIT ONLINE: Kann eine Sammlungsbewegung dennoch das linke Lager insgesamt wieder stärken?

Von Lucke: Ich halte das für den falschen Ansatz. Die völlig zerstrittene Linkspartei belegt, dass Wagenknecht und Lafontaine keine Protagonisten sind, die zur Sammlung mit einem neuen, gemeinschaftsstiftenden Ansinnen in der Lage sind. Sie begegnen in dem nun kursierenden Aufruf sowohl den eigenen Leuten als auch denen von SPD und Grünen mit einer abwertenden Haltung. Es ist zudem nicht absehbar, was der gemeinsame Kern, die gemeinsame Ausrichtung einer solchen diffusen Sammlungsbewegung sein könnte. Große Differenzen gibt es insbesondere in der Außenpolitik. Eine russlandnahe Politik, die Abschied nimmt von der Westorientierung, würden die wenigsten innerhalb der Grünen und der SPD mitmachen.

ZEIT ONLINE: Lafontaine und Wagenknecht versichern, aus der geplanten Bewegung solle keine Partei werden, sie solle also nicht bei Wahlen antreten. Glauben Sie ihnen?

Von Lucke: Die Behauptung, man wolle gar nicht Partei sein, sondern Bewegung, finde ich aus dem Munde von absoluten Politprofis wie Lafontaine und Wagenknecht sehr dubios. Eine Bewegung wird in unserer Parteiendemokratie nur dann politisch wirksam, wenn sie irgendwann zur Partei gerinnt, siehe Grüne oder AfD. Deshalb wird sie ja auch bereits jetzt, drei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl, ins Leben gerufen, um genug Vorlauf zu haben. Wir haben es deswegen bei der geplanten Sammlungsbewegung natürlich mit einem Konkurrenzprojekt gegen alle anderen Parteien zu tun.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir die beiden mal ernst mit ihrer Aussage, dass sie keine neue Partei gründen wollen. Wie könnte eine Bewegung, die man nicht wählen kann, dazu beitragen, parlamentarische Mehrheiten zu sichern?

Von Lucke: Das ist wie gesagt nicht ernst zu nehmen. Lafontaine verweist ja dezidiert auf den Erfolg des französischen Sozialisten Jean-Luc Mélenchon, der schließlich auch mit seiner Bewegung zur Wahl angetreten ist. Lafontaine und Wagenknecht geht es darum, wie Mélenchon mit ihrer Sammlungsbewegung auf deutlich mehr als jene zehn Prozent zu kommen, die die Linkspartei bei Bundestagswahlen bestenfalls erreicht. Sie wollen auf diese Weise die dominante Kraft im linken Lager werden, ohne allerdings eine gestalterische Funktion anzustreben. Ihnen reicht die Protestrolle. Denn sobald man in die Regierung geht, so schon bisher ihre Kritik am sogenannten Reformerflügel der Linkspartei, gehört man ja zum Establishment. Deswegen stecken in dem bekannt gewordenen Aufruf ja auch diverse populistische Attacken auf Parteien, die in Regierungsverantwortung sind. Das eigentliche Ziel von Wagenknecht und Lafontaine war immer, die SPD so klein zu kriegen, dass man selber zu einer politisch wirklich relevanten Größe wird.