Der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist ein überzeugter Europäer. Von 1994 bis 2017 war er Abgeordneter des Europaparlaments, zuletzt fünf Jahre EU-Parlamentspräsident. Was denkt er über den Streit um eine europäische Lösung der Flüchtlingskrise und Zurückweisungen an der deutschen Grenze? Bei einem Besuch bei ZEIT ONLINE hat er es erzält.

ZEIT ONLINE: Herr Schulz, würden Sie Angela Merkel eine überzeugte Europäerin nennen? 

Martin Schulz: Grundsätzlich ist Angela Merkel eine sehr proeuropäische Politikerin. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass sie Europa eher pragmatisch sieht und ihr die tiefe Emotionalität für die Idee von Europa, die zum Beispiel Helmut Kohl prägte, fehlt. 

ZEIT ONLINE: Merkel versucht beim EU-Gipfel diesen Donnerstag, die Flüchtlingskrise europäisch und ohne nationale Alleingänge zu lösen. Sie setzt dafür sogar ihre Kanzlerschaft aufs Spiel.

Schulz: Ich denke, Angela Merkel hat die Sonderrolle Deutschlands verstanden. Altkanzler Helmut Schmidt hat mal gesagt: Deutschland entgeht seinem Schicksal nicht. Wir sind das geografische Zentrum der Europäischen Union. Und wir werden für unsere finanzielle und politische Macht ja auch genauso sehr bewundert wie gefürchtet. 

ZEIT ONLINE: Was bedeutet diese Rolle für Deutschland? 

Schulz: Wir können helfen, dass es allen besser geht, wenn wir wollen. Wir können dazu beitragen, dass der Süden und der Norden, der Westen und der Osten zusammenhalten. Die aufgeklärten Regierungen in Europa werden doch zunehmend durch autoritäre und nationalistisch denkende Regime eingekesselt. Wenn Merkel ihren Kampf nun verliert, könnte der Trumpismus auch in Europa endgültig Einzug halten. Auch das hat Merkel verstanden. 

ZEIT ONLINE: Die Flüchtlingskrise hat sich in Deutschland zuletzt gar nicht weiter verschärft. Wie konnte die Lage dennoch so eskalieren? 

Schulz: Letzten Sommer bin ich nach Sizilien geflogen, um – damals noch als Kanzlerkandidat der SPD – über die Flüchtlingssituation zu reden. Ich habe gewarnt: Wenn wir den Italienern nicht helfen, werden in Rom Menschen die Wahl gewinnen, die uns nicht mehr über Flüchtlingspolitik reden werden – sondern über den Abbruch der Europäischen Union. Damals war das Echo: Dem Schulz fällt wohl nix Besseres ein. Dabei hätte man mit dem damaligen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni Rückübernahmeabkommen schließen können und eine Reform der Eurozone angehen können. Dann ist ein Jahr lang nichts passiert – und jetzt regieren die Populisten. Manchmal ist es bitter, wenn du recht hast. 

ZEIT ONLINE: Sie kennen Angela Merkel und ihren Innenminister Horst Seehofer. Scheitert diese Regierungskoalition am Streit zwischen den beiden? 

Schulz: Das denke ich nicht. Die beiden haben längst begonnen, sich gegenseitig Brücken zu bauen. Seehofer sagt, man sei sich ja im Ziel einig, es ist von der "Schicksalsgemeinschaft" Union die Rede und auch sonst sind wieder moderatere Töne zu hören.

ZEIT ONLINE: Woher kommt diese Annäherung? 

Schulz: Die CSU hat hoffentlich verstanden, dass sie mit dem Feuer spielt. Angela Merkel wird vom EU-Gipfel mit Ergebnissen zurückkommen, die Rücknahmeabkommen mit einigen Ländern ermöglichen. Das könnte Horst Seehofer einige Rückweisungen ermöglichen. 

ZEIT ONLINE: Merkel strebt ja derzeit bilaterale Abkommen an. Ist das überhaupt ein europäischer Weg? 

Schulz: Das sind Hilfskonstruktionen auf dem Weg zu einer europäischen Lösung. Aber bis zu diesem Zeitpunkt ist das schon okay so. 

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