Gemeinsam mit nationalen und internationalen Medienpartnern entwickelt ZEIT ONLINE derzeit "My Country Talks" – eine Plattform zur Vermittlung von Eins-zu-eins-Gesprächen zwischen politisch unterschiedlich denkenden Bürgern in aller Welt. In Weimar fand am Samstag "Weimar spricht" statt, der erste Test der Software in Deutschland. Unser Autor hat zwei Teilnehmende dabei begleitet. Zuvor haben wir die Plattform schon in Bologna getestet.

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Wenn zwei Fremde miteinander reden, können die erstaunlichsten Dinge passieren. Zum Beispiel vergangenen Samstag in Weimar, im italienischen Restaurant Versilia am Frauenplan, bei Kaffee und Weißbier.

Es ist eine Stunde vergangen, seit Ulrike Grebe gesagt hat, es müsse jetzt endlich Schluss sein mit den Flüchtlingen. Horst Seehofer habe Recht, wenn er sie an der Grenze abweisen wolle. "Ich bin da absolut dafür." Die meisten Migranten, sagt Grebe, kämen doch nur wegen des deutschen Sozialsystems. Sie wähle mittlerweile die AfD.

Es ist eine Stunde her, dass ihr Ricardo Borchardt entgegnete: "Und Sie meinen, die Flüchtlinge steigen wegen Sozialtransfers in die Boote und riskieren auf dem Mittelmeer ihr Leben?" Der Rechtsstaat gebiete es, dass jeder, der um Asyl bitte, ein sauberes Verfahren bekomme. "Das sind doch alles Menschen wie wir!"

Nun, nach dieser Stunde, in der über alles Mögliche geredet wurde, über Politik, aber auch über Tennis und autofreie Innenstädte, geht es wieder um Seehofer und die Regierungskrise in Berlin. "Angela Merkel muss weg", sagt Ulrike Grebe, das Gründungsmantra der AfD.  "Richtig!", ruft Ricardo Borchardt plötzlich. "Ich konnte diese Frau noch nie ertragen."

Ulrike Grebe hat kaum Zeit, irritiert zu sein, denn schon debattieren beide, wer stattdessen Kanzler werden sollte. "Gregor Gysi!", sagt Grebe. "Super Idee!", ruft Borchardt. "Ein cooler Typ ist das."

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein

Borchardt und Grebe haben sich im Netz kennengelernt, bei der Aktion "Weimar spricht". Die Thüringer Allgemeine und das Lokalradio Lotte hatten dazu aufgerufen. Die Idee: Zwei Menschen, die in wichtigen Fragen diametral unterschiedlicher Meinung sind, werden von einem Algorithmus zusammengebracht. Anschließend können sie sich treffen, reden, argumentieren, streiten.

Ulrike Grebe und Ricardo Borchardt hatten dazu einen Fragebogen auf der Internetseite der Thüringer Allgemeine ausgefüllt. Sind Sie für eine strenge Obergrenze für Flüchtlinge? Grebe antwortete mit Ja, Borchardt mit Nein. Sollte sich die Bundesregierung mehr um Putin bemühen? Grebe: Ja. Borchardt: Nein. Braucht Weimar eine stärkere Polizeipräsenz? Grebe: Ja: Borchardt: Nein. Sollte Weimar mehr autofreie Zonen einrichten: Grebe: Ja. Borchardt: Nein. Nur bei der Frage, ob die Ehe für alle richtig sei, antworteten beide gleichermaßen mit Ja.

Anschließend hinterließen beide noch Namen, Alter, Beruf, Interessen. Ricardo Borchardt, in Weimar geboren, bezeichnete sich als "Produktdesigner, Künstler, Fantast, Schöngeist", der seinen Feierabend mit "Denken und Kunst" verbringt. Seine Erkennungszeichen: "Lebensbejahung" und "Weltoffenheit". Ulrike Grebe gab als Beruf "Krankenschwester" an und als Freizeitbeschäftigungen "Haus, Garten, Familie, Sport". Ansonsten sei an ihr "nichts Außergewöhnliches".

Vor dem Tag des Treffens, einem kühl-vernieselten Samstagnachmittag, hatten sich beide noch nie gesehen. Und wahrscheinlich wäre es ohne "Weimar spricht" auch dabei geblieben. Grebe und Borchardt gehören, zumindest äußerlich betrachtet, zwei Milieus an, die sich kaum berühren.

Borchardt, der Künstler, hat ein hellblaues Sakko über das weiße Hemd gestreift. Der Seitenscheitel wippt über dem gebräunten Teint. Seinen antiken Mercedes, der in seinem Geburtsjahr 1971 gebaut wurde, hat er um die Ecke geparkt. Er lebt mit seiner neuen Lebensgefährtin in Weimar, sein Sohn lebt bei dessen Mutter in Erfurt.