ZEIT ONLINE: Herr von Beust, Merkel und Seehofer streiten offen um den Flüchtlingskurs. Die CSU stellt der CDU ein Ultimatum: Bis Montag könne Merkel auf seine Linie in der Asylpolitik einschwenken, sonst werde er im Alleingang anordnen, Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen, die bereits in einem anderen EU-Land registriert worden sind. Wie ernst ist die Lage in Ihrer Union? 

Ole von Beust: Sie ist sehr ernst. Weil aus einer symbolischen Sache eine Frage der Gesichtswahrung geworden ist. Keiner verliert gern sein Gesicht.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie: Droht ein Bruch? 

von Beust: Letztlich glaube ich es nicht. Vernunft war in unserer Partei immer ein guter Ratgeber. Ich gehe davon aus, dass über das Wochenende ein Kompromiss gefunden wird. 

ZEIT ONLINE: Haben Sie als Christdemokrat Verständnis für Ihre Schwesterpartei, die CSU? Immerhin stellt sie den Innenminister und ihre Haltung zur Asylpolitik ist nicht neu. 

von Beust: Dass sie inhaltlich klare Kante zeigt, entspricht ihrer Tradition. Die CSU argumentiert, jetzt gehe es darum, endlich mal deutsche Interesse durchzusetzen. Aber das ist schlicht zu kurz gedacht. Die deutschen Interessen sind auch europäische Interessen. Und sich nur auf diesen Punkt – der Zurückweisung an der Grenze – zu fokussieren, auch auf die Gefahr hin, in Europa isoliert zu sein, in einer ohnehin schwierigen Lage, halte ich für maßlos übertrieben. 

ZEIT ONLINE: Die CSU sagt dazu: Die europäische Lösung ist nicht realisierbar. Da arbeitet Merkel ja schon seit drei Jahren dran. Vergeblich. 

von Beust: Gut, die haben jetzt Druck entfacht. Merkel sagt dazu: Gebt mir noch zwei Wochen. Dass ihr die CSU nun aber ein Ultimatum bis Montag stellt, das ist inhaltlich fragwürdig und respektlos gegenüber der Kanzlerin. 

ZEIT ONLINE: Ist es nicht Seehofers gutes Recht als zuständiger Minister, hier einen eigenen Plan vorzulegen?  

von Beust: Schon, aber die Kanzlerin hat es zu ihrer Sache gemacht. Und als Regierungschef hat man das letzte Wort. Das weiß auch Seehofer.

ZEIT ONLINE: Warum ist Merkel hier so beharrlich? Wir kennen sie doch eigentlich als Meisterin des Kompromisses. 

von Beust: Nun, sie beschreibt die Dramatik der Situation in Europa richtig: Europa ist wirklich in einer entscheidenden Situation. Und es gibt viele deutsche Interessen, bei denen wir die anderen Europäer brauchen, denken Sie nur an die Beziehung zu den USA. Dann darf ich meine Partner nicht vor den Kopf stoßen, indem ich Flüchtlinge ohne Absprache in die Nachbarländer zurückschicke. Da ist es unklug, mit einer Symbolik zu kommen, die die anderen verärgert und in der Sache fraglich ist. 

ZEIT ONLINE: Wenn sich Seehofer nun am Montag das Mandat seiner Partei holt und dann die Bundespolizei anweisen sollte, die Grenzen dicht zu machen, wie sollte Merkel dann reagieren? Sie muss ihn dann rauswerfen, oder? 

von Beust: Sie kann die Vertrauensfrage stellen, sie kann ihn rauswerfen. Das darf sie sich jedenfalls nicht gefallen lassen. Sonst verliert sie die Autorität. 

ZEIT ONLINE: Oder sie tritt selbst zurück. Denn in der Sache scheinen ja auch viele CDU-Politiker auf der CSU-Linie zu sein. Also, anders gefragt: Ist Merkel nicht das Problem? 

von Beust: Ich glaube, sie so weit zu kennen, dass sie unter Druck ohnehin nichts macht. Sie wird sich ihre Meinung bilden. Und ich weiß nicht, wie lange sie noch Freude an ihrem Amt hat. Das ist eine andere Frage. Aber unter Druck wird sie nicht zurücktreten. 

ZEIT ONLINE: Ist die Union noch zu retten? Das hat jetzt sieben Jahrzehnte ganz gut funktioniert. Aber vielleicht ist es Zeit für neue Bündnisse?

von Beust: Ich bin ja schon lange dabei. Und erinnere an Strauß und Wildbad Kreuth und die angedrohte Trennung 1976. Es gab auch schon Verfassungsklagen von der CSU gegen die eigene Bundesregierung, die sie letztlich nicht eingereicht hat. Aber ich muss zugeben: In einer Dimension wie jetzt habe ich den Streit noch nicht erlebt. Dazu tragen aber auch Medien bei, die online diese Konflikte viel direkter und ungefilterter transportieren als früher.