Am Sonntagmittag um zwölf Uhr betritt Sahra Wagenknecht in der Leipziger Messehalle die Bühne. Es ist der dritte Tag des Parteitags der Linken und dennoch das erste Mal, dass die Fraktionschefin hier das Wort ergreift. Das ist insofern erstaunlich, als Wagenknecht in gewisser Weise den gesamten Parteitag dominiert hat.

Tags zuvor hatte Parteichefin Katja Kipping versucht, ihr die Hand zu reichen. "Wir sind alle Teil der Linken", hatte sie der Frau zugerufen, mit der sie sich seit Monaten eine harte Auseinandersetzung liefert. Es geht um die Ausrichtung der Partei in der Flüchtlingspolitik und um die Notwendigkeit einer linken Sammlungsbewegung. Wagenknecht will keine offenen Grenzen. Kipping hatte verlangt, der Beschluss des Parteitags zur Flüchtlingspolitik, in dem von offenen Grenzen die Rede ist, müsse von allen akzeptiert werden.

Die Erwartungen sind also hoch: Wird Wagenknecht sich diesem Diktum fügen oder den Konflikt weiter anheizen? Und welchen Rückhalt hat die streitbare Fraktionschefin, die das bekannteste Gesicht der Partei ist, noch bei den Delegierten nach den Monaten der Auseinandersetzung?

Linke Klassiker

Wagenknecht hat eine ganze Reihe Klassiker auf Lager, mit denen sie den Parteitag schnell in Wallung bringt. Sie schimpft gegen den Rüstungswahnsinn, der ein Sinnbild unserer kranken Welt sei. Sie sagt Sätze wie: "Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolken den Regen." Sie lobt die Linke als "einzige Antikriegspartei im Deutschen Bundestag", sie kritisiert den heuchlerischen Umgang mit Russland und wirft Angela Merkel vor, mit ihrer neoliberalen Politik Schuld am Aufstieg der AfD zu sein. So weit, so Linkspartei. Die Delegierten jubeln.

Doch Wagenknecht findet auch deutliche Worte zu den Konflikten, die sich zwischen ihr und der Linkspartei aufgestaut haben. Es sei ja schön, sagt sie, wenn die Linke in den Großstädten viele junge neue Mitglieder gewinne. Aber wenn die Partei gleichzeitig an den sozialen Brennpunkten des Landes Wähler und Mitglieder verliere und mehr Gewerkschafter, Arbeitslose und Arbeiter die AfD wählten als die Linke, könne man doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

"Es zeugt nicht von guter Diskussionskultur, wenn dann gesagt wird, da redet jemand die Linke schlecht, bloß weil man diese Menschen zurückgewinnen will", sagt sie. Es ist ein Frontalangriff auf die Parteispitze, die diesen Vorwurf erhoben hatte.

Sind offene Grenzen eine linke Forderung?

Die Linke müsse wieder die Sprache der Ausgebeuteten sprechen, sagt Wagenknecht, sie müsse ihnen mit Respekt begegnen und nicht von oben herab. "Nur wenn wir die Abgehängten wieder erreichen, können wir was gegen den Rechtsruck tun." 

Und dann kommt sie zum Kern des Streits: Es sei fraglich, sagt Wagenknecht, ob eine Welt ohne Grenzen unter kapitalistischen Bedingungen eine linke Forderung sein kann. Man müsse darüber streiten, ob es Arbeitsmigration geben solle, sagt sie. "Aber warum können wir das nicht sachlich tun?" Sie erwarte nicht, dass alle ihre Meinung teilten, aber sie erwarte eine solidarische Debatte.

Auch die von ihr geforderte Sammlungsbewegung verteidigt sie. Bei dieser gehe es nicht um ein Alternativprojekt zur Linken. Aber wenn die Linke von den zehn Millionen Wählern, die die SPD verloren habe, nur wenige gewinne, müsse es doch erlaubt sein, zu fragen, wieso das so sei.