Kurz vor Beginn des Parteitags stehen Katja Kipping und Bernd Riexinger zum ersten Mal auf der Bühne im Leipziger Messezentrum und schauen in die noch leere Halle, in der sie an diesem Wochenende um ihre Zukunft als Vorsitzende der Linken kämpfen werden. Vor ihnen stehen die Tische für die 580 Delegierten dicht an dicht. Die Enge sei sicher gut für die Stimmung, witzelt Riexinger. "Wir sind im Kuschelmodus", ergänzt Kipping.

Doch gekuschelt wird bei den Linken derzeit eher wenig. Stattdessen wird seit der Bundestagswahl erbittert über die inhaltliche Ausrichtung der Partei gestritten. Im Kern geht es vor allem um die Frage, wie man auf den Rechtsruck in der Gesellschaft reagieren soll und wie man Wählerinnen und Wähler, die man an die AfD verloren hat, zurückgewinnen kann. Indem man bisherige Positionen in der Flüchtlings- und Migrationspolitik revidiert, wie das Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und ihr Mann, der Ex-Linken-Parteivorsitzende Oskar Lafontaine, für richtig halten? Oder indem man an dieser Position nun erst recht festhält, wie Kipping und Riexinger sich das wünschen?

Dass es das Ziel des Parteitags sein sollte, diesen Streit zumindest irgendwie zu befrieden, darin sind sich die Kontrahenten immerhin einig. "Ich werde dafür werben zu sagen: Wir ziehen unter alle Auseinandersetzungen der Vergangenheit einen Strich. Das Vergangene ist vergangen", hatte Kipping bereits vor dem Parteitag angekündigt. "Ich wünsche mir vor allem, dass die ständigen Angriffe aufhören und endlich zu einer sachlichen Zusammenarbeit zurückgekehrt wird", ließ auch Wagenknecht verlauten.

Ringen zweier Frauen

Der Konflikt ist auf diesem Parteitag dann aber dennoch überall spürbar. Als Wagenknecht am Freitag mit mehrstündiger Verspätung die Parteitagshalle betritt – die Eröffnung und Konstituierung des Parteitags mit ihren eher langweiligen Satzungsdebatten hat sie sich erspart – hat sie sofort einen ganzen Pulk von Kameras um sich herum. Kurz zuvor hatte Superillu online berichtet, Wagenknecht denke darüber nach, sich aus der Partei zurückzuziehen. Der Fraktionsvorsitzenden ist die Aufmerksamkeit sicher, auch wenn sie später dementiert.

Wagenknecht und Kipping, die beiden Antipoden in dem Richtungsstreit, begrüßen sich wenig später an ihren Plätzen in der ersten Reihe mit einem sehr kühlen, kurzen Handschlag. Die Parteitagsregie hat zwischen die beiden den etwas verbindlicheren Riexinger gesetzt. Der bemüht sich, zumindest während die Kameras laufen, um ein wenig Smalltalk mit der Kontrahentin. Wagenknecht lächelt gequält.

In ihrer Rede am Samstag spricht Kipping das Problem dann direkt an. Sie wisse ja, dass der Konflikt um die richtige Strategie gegen den Rechtsruck oft als der zweier Frauen beschrieben werde, sagt sie und sieht Wagenknecht dabei direkt an. Deswegen müsse sich aber niemand zwischen ihr und der Fraktionsvorsitzenden entscheiden. "Wir sind alle Teil der Linken", sagt Kipping.

"Weder Rassisten noch Neoliberale"

Da bricht lauter Jubel in der Halle aus, denn viele Delegierte wünschen sich nichts mehr, als dass der kräftezehrende Streit an der Führungsspitze beigelegt wird. In der Vergangenheit war Kipping vorgeworfen worden, sie habe Wagenknecht unterstellt, AfD-nahe Positionen zu beziehen. Dem versucht die Parteichefin nun entgegenzutreten. "In unserer Partei gibt es weder Rassisten noch Neoliberale", ruft sie.

Doch nach dieser Umarmung geht Kipping zum Angriff über. Man brauche eine inhaltliche Klärung, "damit wir wissen, wofür die Partei steht", sagt sie. Und spricht dann direkt Lafontaine an: "Es muss Schluss damit sein, dass die Beschlusslage der Partei zur Flüchtlingspolitik infrage gestellt wird."

Auf die von Wagenknecht und Lafontaine angestoßene Debatte über eine linke Sammlungsbewegung geht Kipping nicht direkt ein. Doch sie macht klar, dass auch sie davon ausgeht, dass die Linke wachsen und zur treibenden Kraft im linken Parteienspektrum werden könne – vorausgesetzt man konzentriere sich gemeinsam auf die anstehenden Aufgaben.

Ein Signal der Versöhnung? Zumindest Wagenknecht scheint dies nicht so zu empfinden. Als Kipping geendet hat, erhebt sich der Parteitag zu Standing Ovations. Nur Wagenknecht bleibt sitzen. Ihr Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch muss sie zum Aufstehen ermuntern. Kurz danach eilt sie – ohne mit irgendjemand zu sprechen – aus der Halle. Ein Affront gegen die Partei sei das nicht, versichern ihre Vertrauten. Wagenknecht müsse ihre Rede vorbereiten.