So stellt man sich eine Pressekonferenz der Schwesterparteien mit dem C im Namen vor: Links steht der eine Parteichef und lobt den "starken Partner" an seiner Seite. Von rechts dankt der andere für die "starke persönliche Partnerschaft", die schon viele Jahre andauere. Gute Gespräche seien das gewesen, lächeln beide unisono in die Kameras. Nur dass hier nicht zwei Parteichefs sprechen, die gemeinsam in einer Bundestagsfraktion sitzen. Sondern der österreichische Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und der deutsche Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, Horst Seehofer (CSU).

Die Vorsitzenden von CDU und CSU würden sich zur Zeit wohl vergeblich um so viel Harmonie mühen. Statt grenzenloser Verbundenheit ist bei den deutschen Schwesterparteien derzeit eher ein Phänomen zu betrachten, das es bei vielen Geschwistern gibt: Man kann sie sich nicht aussuchen. Der Streit zwischen Seehofer und Kanzlerin Angela Merkel und die demonstrative Einigkeit von Seehofer und Kurz haben wie so oft in den vergangenen Jahren einen gemeinsamen Grund: die Asyl- und Flüchtlingspolitik.

Am Dienstag wollte Seehofer einen Masterplan zur Migrationspolitk vorlegen: 63 Punkte, damit weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Die Vorstellung platzte, weil er sich mit der Kanzlerin nicht über eine Frage einig werden konnten: Sollen Asylbewerber, die schon in anderen EU-Ländern einen Antrag gestellt haben, an der deutschen Grenze abgewiesen werden können? Die Kanzlerin hat europarechtliche Bedenken und warnt außerdem vor nationalen Alleingängen. Seehofer hingegen findet: Zurückweisungen müssen unbedingt sein.

In diese Gemengelage platzt Kurz

Und damit ist er nicht allein. Seine Partei, die CSU, steht geschlossen hinter ihm. Bei einer Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am Dienstagnachmittag stellten sich außerdem zahlreiche CDU-Abgeordnete hinter Seehofer. Die Verteidiger der Kanzlerin schwiegen – zumindest im Bundestag. Parteivorstand und -Präsidium hatten am Montag die Linie der CDU-Chefin bestätigt. Am heutigen Mittwochabend wollen sich Merkel und Seehofer noch mal beraten und nach Lösungen suchen. Mit dabei ist unter anderem der bayerische Ministerpräsident Markus Söder.

In diese Gemengelage platzt jetzt Kurz, der schneidige junge Kanzler aus Wien. Der 31-jährige Konservative ist mit seinem rigorosen Politikstil ein echter Gegenentwurf zur Kanzlerin – und kommt gerade deshalb bei vielen in der CSU prima an. Aber auch bei den Konservativen in der CDU. Auf seiner Wahlparty im vergangenen Herbst zählte zum Beispiel Jens Spahn zu den ersten persönlichen Gratulanten.

Seehofer gefällt Kurz' Plan für die EU

Kurz will sich auf seinem Besuch in Berlin zwar zu offenen Fragen der deutschen Innenpolitik nicht äußern – auch wenn kein ersthafter Zweifel besteht, bei wem seine Loyalitäten liegen würden, müsste er sich zwischen Merkel und Seehofer entscheiden. Am 1. Juli übernimmt Kurz die EU-Ratspräsidentschaft. Und zum Besuch in Berlin umreißt er eine Agenda, ganz nach der Vorstellung des CSU-Chefs. "Unser großes Ziel ist es, voranzukommen im Außengrenzschutz", sagt Kurz.

Beide, Seehofer und Kurz, wollen Polizisten nach Albanien schicken, um eine neue Migrationsroute auf dem Balkan zu verhindern. "Es ist wichtig, nicht wie im Jahr 2015 zu warten, bis die Katastrophe vorhanden ist, sondern rechtzeitig gegenzusteuern", findet Kurz. Dazu will er die Grenzschutzagentur Frontex personell aufstocken, sie aber auch mit einem robusteren Mandat ausstatten. Die Grenzschützer sollen künftig mit Drittstaaten kooperieren dürfen und dafür sorgen, dass Flüchtlingsboote gar nicht erst ablegten. Nicken bei Seehofer.

Nicht die Schlepper sollten entscheiden, wer nach Europa komme, fährt Kurz fort. Da hält es Seehofer nicht mehr aus. Er unterbricht seinen Gast: "Sie haben, ohne ihn zu kennen, aus meinem Masterplan zitiert", sagt er sichtlich beseelt. Seehofer unterstreicht noch mal, man müsse den Schleppern "an den Kragen".

Die Achse von Rechts nach Rechtsaußen

Die beiden harmonieren inhaltlich tatsächlich so gut, dass sie einander die Themen zuspielen. Seehofer berichtet etwa von seinem Telefonat mit dem italienischen Innenminister, Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Partei Lega Nord. Mit dem habe er "volle Übereinstimmung" bei den Themen Migration und Sicherheit. Was wiederrum Kurz anstachelt: "Unserer Meinung nach braucht es im Kampf gegen illegale Migration eine Achse der Willigen", sagt er. Soll heißen: Rom, Wien und Berlin vereint im Kampf gegen die Flüchtlinge. 

Nur dass Seehofer formal nicht der Endpunkt dieser Achse sein kann. In Berlin regiert ja immer noch Angela Merkel. Die hatte Kurz schon am Vorabend getroffen. Da hatte Merkel wie immer eine gemeinsame, also europäische Lösung der Flüchtlingsfrage angemahnt. Ob sie dabei an die Kurz'sche Achse der Rechts- bis Rechtsaußenpolitiker gedacht haben wird? Vermutlich nicht. 

Fast zeitgleich während Kurz und Seehofer ihre austro-baiuwarische Männerfreundschaft inszenieren, steht Merkel auf einem Fußballplatz im Berliner Problemkiez Wedding und applaudiert der Mädchenmannschaft des Rot-Weiß Viktoria Mitte 08. Ein Vorzeigeintegrationsprojekt, Merkel war beim Training zu Besuch. In dem Verein kicken Menschen aus 85 Nationen.

Wenig später wird die deutsche Regierungschefin im Kanzleramt den Integrationsgipfel eröffnen. Eine Veranstaltung, zu dem Seehofer nur seinen Staatssekretär schickt. Aus Termingründen einerseits, aber auch, weil er sich von einem Artikel verletzt fühlt, den eine der Teilnehmerinnen geschrieben hatte. Sie habe seinen Heimatbegriff in einem Artikel mit dem der Nationalsozialisten in Verbindung gebracht, klagte das Innenministerium.