Die Flüchtlinge waren nur eine Phase

Flüchtlinge und Kriminalität – Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam? Als innerhalb einer Woche sowohl Frank Plasberg als auch Sandra Maischberger in ihren Sendungen über Flüchtlinge, Integration und Kriminalität sprachen, brach eine ungewohnt heftige Welle der Kritik über die deutsche Talkshow als Genre herein. Der deutsche Kulturrat warf den öffentlich-rechtlichen Sendern sogar vor, die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben zu haben: "Mehr als 100 Talkshows im Ersten und im ZDF haben uns seit 2015 über die Themen Flüchtlinge und Islam informiert und dabei geholfen, die AfD bundestagsfähig zu machen", sagte der Geschäftsführer Olaf Zimmermann.

ZEIT ONLINE hat diese Vorwürfe zum Anlass genommen, kurz vor der TV-Sommerpause die Sendungen der vier wichtigsten und quotenstärksten politischen Talkshows der vergangenen sechseinhalb Jahre zu analysieren. Wir haben alle Sendungstitel von Anne Will, Hart aber fair, Maischberger (alle ARD) und Maybrit Illner (ZDF) vom 1. Januar 2012 bis zum 7. Juni 2018 kategorisiert und die Marktanteile jeder Sendung ausgewertet. Der Marktanteil beschreibt den prozentualen Anteil der Zuschauer, die am jeweiligen Datum die Sendung gesehen haben. Insgesamt fielen in diesen Zeitraum 901 Talkshows.

Die überraschendste Erkenntnis war, dass 2017 und im ersten Halbjahr 2018 die Themen Islam, Flüchtlinge, Integration und Terrorismus eher unterrepräsentiert waren. Insofern trifft der Vorwurf die deutschen Talkerinnen und Talker zumindest zum falschen Zeitpunkt. Die Konzentration zweier Themen in einer Sendewoche, wie bei Plasberg und Maischberger Anfang Juni 2018 geschehen, ist nicht repräsentativ für die vergangenen anderthalb Jahre. 2017 behandelten nur fünf von insgesamt 136 Sendungen den Themenkomplex Flüchtlinge/Integration, 2018 waren es bisher fünf der von uns ausgewerteten 63 Sendungen.

Wir haben dezidiert nur die Titel der Sendungen ausgewertet und in Kategorien wie "Flüchtlinge/Integration", "Innere Sicherheit/Islamistischer Terror", "Parteipolitik/Wahlen" oder "Internationale Beziehungen" eingeordnet. Diese Einteilung leitete sich allein aus den Überschriften ab. Natürlich ist es möglich, dass sich eine Talkrunde, die wir unter "Internationale Beziehungen" oder "Rechtspopulismus" subsumiert haben, im Verlauf der Debatte auch auf andere Themen ausweitete.

Flüchtlingsthemen machen Quote – stimmt nicht!

Interessant ist auch, dass Sendungen, die Flüchtlingsthemen behandelten, keine höheren Quoten erzielten, als solche, die sich beispielsweise um Gesundheitsfragen drehten. Im Durchschnitt erreichte eine Sendung über Flüchtlinge einen Marktanteil von etwas mehr als elf Prozent – fast genauso viel wie eine Gesprächsrunde über andere Themenbereiche. Auch reißerische und zugespitzte Titel wie Die Glaubensfrage – Gehört der Islam zu Deutschland? (Anne Will, 28. Januar 2015) oder Terror gegen die Freiheit – wie verteidigen wir unsere Werte? (Hart aber fair, 16. November 2015) hatten keinen signifikanten Einfluss auf die Quote. Selbst die viel kritisierte Plasberg-Sendung Flüchtlinge und Kriminalität am 4. Juni 2018 erzielte trotz des medialen Widerhalls mit 8,6 Prozent Marktanteil eine der schwächsten Quoten von Hart aber fair der vergangenen Monate.

11,4 Prozent Marktanteil haben Talkshows mit Flüchtlingsthemen im Durchschnitt
11,3 Prozent Marktanteil haben Nicht-Flüchtlingsthemen.

Sind die Vorwürfe des deutschen Kulturrats daher unbegründet? Nicht unbedingt. Blickt man zurück auf die Jahre 2015 und 2016, zeigt sich, dass der Themenkomplex "Flüchtlinge/Integration" damals mit Abstand die meisten Sendungen dominiert hatte. 2015 und 2016 befasste sich fast jede vierte Talkshow-Runde (2015: 33 von insgesamt 141 Sendungen; 2016: 31 von 134 Sendungen) mit dem Thema.

Wenn man zu den "klassischen" Flüchtlingsthemen noch die Themenfelder "Innere Sicherheit/Islamistischer Terror" und "Rechtspopulismus" hinzurechnet, kommt man nach unserer Kategorisierung sogar auf 117 Sendungen für 2015 und 2016. Das entspricht also den vom Kulturrat ins Spiel gebrachten "mehr als 100 Sendungen seit 2015".

2016 wird Trump zum beherrschenden Talk-Thema

Was allerdings in der Talkshow-Kritik bisher nicht erwähnt wurde, ist die Tatsache, dass die Zahl der betreffenden Sendungen schon seit Mai 2016 rapide sank. Es scheint, dass sich der polarisierende US-Wahlkampf und Donald Trumps Sieg bei der Präsidentschaftswahl Ende 2016 auch in den Talkshows widerspiegelte. Sowohl 2016 wie 2017 war die Rubrik "Internationale Beziehungen" mit 19 beziehungsweise 35 Sendungen sehr häufig vertreten. 2017 waren dann der Wahlkampf und die langwierige Regierungsbildung in Deutschland mit 45 Sendungen das entscheidende Thema. Im ersten Halbjahr 2018 drehten sich die Gespräche etwa gleich stark um Innen- wie Außenpolitik.

Insgesamt kann man feststellen, dass es in jedem Jahr ein oder zwei beherrschende Themen gab, die sich in den Talkshows – wie auch in den meisten anderen Medien – überproportional häufig widerspiegelten. Dass nach dem September 2015, als Hunderttausende Flüchtlinge und Migrantinnen nach Deutschland kamen, häufig über Flüchtlingspolitik und Integration gesprochen wurde, ist daher wenig verwunderlich. Eine grundsätzliche Monothematik kann man über den von uns untersuchten Zeitraum von sechseinhalb Jahren nicht feststellen.

Die Anteile der Themenkomplexe pro Talkshow

Doch auch wenn rein zahlenmäßig kein Übergewicht von Flüchtlings- und Integrationsthemen ersichtlich ist, muss das nicht heißen, dass die Vorwürfe gegen die Talkshows generell unberechtigt sind. Was wir in unseren Statistiken nicht überprüft haben, ist etwa die Auswahl der Gäste. Neben der Themensetzung können auch suggestive Fragen, unwidersprochene Antworten und die Einladung von Menschen mit polarisierenden Ansichten eine Diskussion in eine bestimmte Richtung lenken.