Vermutlich weiß Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, dass es ein historischer Tag im Bundestag wird, als er am Vormittag die laufende Sitzung des Parlaments unterbricht. Der Streit zwischen CDU und CSU um die Flüchtlingspolitik hat auch durch ein Spitzentreffen am Vorabend nicht beigelegt werden können. Deswegen wollen sich beide Seiten nun zu Fraktionssitzungen zurückziehen. Sitzungen wohlgemerkt. Jeder für sich, in getrennten Räumen.

Wann es das zuletzt gegeben hat, daran können sich auf Nachfrage auch altgediente Parlamentarier nicht erinnern. Eigentlich bilden CDU und CSU eine gemeinsame Fraktion, und das schon seit Gründung der Bundesrepublik. Die konservativen Abgeordneten aus Bayern und dem Rest der Republik tagen üblicherweise zusammen, nur 1976 gab es mal eine kurze Krise. Ist das Verhältnis jetzt irreparabel beschädigt? Schäuble jedenfalls wird später den CDU-Abgeordneten ins Gewissen reden: Manche wüssten ja gar nicht, was sie da anrichten.

Wie konnte es so weit kommen?

Es war aber auch eine Eskalation mit Ansage. Schon lange streiten CSU und CDU um die Flüchtlingspolitik. Doch in den vergangenen Tagen hatte sich der Konflikt verhärtet: Bundesinnenminister Horst Seehofer will Flüchtlinge künftig an der deutschen Grenze abweisen, wenn sie schon Asyl in einem anderen EU-Land beantragt haben.

Die Kanzlerin ist dagegen, sagt, es widerspreche europäischem Recht. Und den Gepflogenheiten der EU erst recht, in der man gemeinsam nach Lösungen suche. Die CDU bemüht sich um einen Kompromiss.

Doch nach stundenlangen Sitzungen droht die CSU offen damit, sich gegen die Kanzlerin zu stellen, also gegen ihre Richtlinienkompetenz. Das könnte das Ende der großen Koalition bedeuten. Und das Ende der Union. 

Vermitteln soll in den nächsten Tagen offenbar Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU). Die CDU-Führung und Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) haben Schäuble einem Medienbericht zufolge gebeten, mit der CSU-Spitze zu sprechen. Er solle einen Kompromiss ausloten, berichtet die Rheinische Post und beruft sich auf Informationen aus der CDU-Führung. Schäuble habe in der Flüchtlingspolitik wiederholt eine kritische Haltung eingenommen und sich zugleich loyal zu Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel verhalten, hieß es zur Begründung. Er besitze auf beiden Seiten Glaubwürdigkeit. Kauder und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt würden demnach erst am Montag nach den Sitzungen der Parteigremien miteinander sprechen.

Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, muss man zehn Tage zurückblicken.

Alexander Dobrindt, Landesgruppenchef der CSU und notorischer Einheizer seiner Partei, hat zu einem seiner Pressestammtische geladen. Er kündigt an: In der folgenden Woche wird Horst Seehofer seinen sogenannten Masterplan zur Migration vorstellen. Darin werde stehen: Deutschland soll künftig Flüchtlinge an der Grenze zurückweisen können, wenn sie schon in einem anderen EU-Land einen Asylantrag gestellt haben. Bislang können diese Flüchtlinge nach Deutschland einreisen, ihr Anspruch, in der Bundesrepublik zu bleiben, wird geprüft – was mehrere Monate dauern kann. Erst dann können sie abgewiesen werden – vorausgesetzt, das andere EU-Land nimmt sie zurück.

Merkel drohte zu kippen – jetzt hat sie die CDU hinter sich

Das ist die gängige Interpretation von EU-Recht und der Kern der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel. Als die Kanzlerin vergangenes Wochenende nach dem G7-Gipfel aus Kanada zurückkommt und ein TV-Interview gibt, wird sie zu den Seehofer-Plänen befragt – und erteilt ihnen eine recht deutliche Absage. Die vom Innenminister geplante Präsentation am Dienstag dieser Woche fällt daraufhin aus. Bei einer gemeinsamen Fraktionssitzung am Dienstagnachmittag melden sich zahlreiche Merkel-Kritiker in der CDU zu Wort. Sie unterstützen offen Seehofer. Die Stimmung in ihrer eigenen Partei droht gegen Merkel zu kippen, so wirkt es.

Die CSU erkennt das. Sie bleibt hart und legt nach. In München beschließt die CSU-Landtagsfraktion sinngemäß: Wir bewegen uns keinen Millimeter. Das sagen öffentlich auch der bayerische Ministerpräsident, Markus Söder, und CSU-Generalsekretär Markus Blume. Am Mittwochabend setzen sich Merkel, Seehofer, Söder und der hessische Ministerpräsident zusammen. Merkel bietet einen Kompromiss an: Statt direkt an der Grenze abzuweisen, will sie bilaterale Abkommen schließen, um Flüchtlinge schneller in Länder wie Italien zurückbringen zu können.

Die CSU will von Merkels Kompromiss nichts wissen

Das wäre ein Mittelweg. Merkel will eigentlich lieber eine EU-weite Lösung. Sie sieht aber auch, dass dafür vielen in ihrer Partei langsam die Fantasie fehlt. Schließlich sind die Mitgliedsstaaten der europäischen Union sich notorisch uneins.

Die Sitzung endet am späten Abend ohne Ergebnis. Mit den bilateralen Abkommen glaubt Merkel, sie sei der CSU schon sehr weit entgegengekommen. Doch die Christsozialen bleiben stur. Am Donnerstagmorgen stellt sich Söder gegen den möglichen Kompromiss. Zurückweisungen oder nichts, das ist seine Botschaft.

"Wir streiten über einen Plan, den keiner kennt"

Deshalb verlassen um kurz nach elf Uhr die Parlamentarier den Plenarsaal, drängen in die Aufzüge, fahren drei Stockwerke nach oben und huschen in ihre Fraktionsräume. Mitten drin: Markus Söder. Obwohl der kein Bundestagsabgeordneter und damit nicht mal Teil der CSU-Landesgruppe ist.

In den Räumen der CDU ergreift zuerst Merkel das Wort. Sie wirbt für ihren Weg der bilateralen Abkommen. Zudem will sie am Montag die Präsidien und Vorstände der Parteien einbinden. Sie bittet um zwei Wochen Zeit, bis zum nächsten EU-Gipfel, um mit anderen Ländern Lösungen auszuhandeln.

Als erster Redner meldet sich Schäuble: "Ich sage ganz klar, ich unterstütze den Vorschlag der Bundeskanzlerin", sagt er. Seine Stimme hat Gewicht wie kaum eine andere unter den CDU-Abgeordneten, schließlich hatte Schäuble Merkel in der Flüchtlingspolitik auch oft genug kritisiert. Später wird sich auch der ehemalige Innenminister Thomas de Mazière zu Wort melden. Auch er verteidigt den Plan der Kanzlerin. Von etwa 50 Wortmeldungen ist die überwältigende Mehrheit aufseiten der Kanzlerin.

Und Seehofer? Der taucht ab

Selbst einige, die die Flüchtlingspolitik von Merkel kritisch sehen, gestehen ihr die Zwei-Wochen-Frist zu. "Bilaterale Abkommen wären doch ein guter Kompromiss", sagt ein Abgeordneter aus den Süden,  der auch gewisse Sympathien für den Seehofer-Plan hatte. Geisterten kurz vor Beginn der Sitzung Horrorszenarien durch den Reichstag – Vertrauensfrage, Regierungskrise, Neuwahlen – scheinen diese für den Moment abgewandt. Die Kanzlerin, ausgestattet mit satter Unterstützung ihrer Abgeordneten und ihres Parteivorstands – der hatte am Morgen mit nur einer Enthaltung für diese Linie gestimmt –, da könnte sich die CSU doch gar nicht verweigern, sind viele aus der CDU zu dem Zeitpunkt fest überzeugt.

Doch auch die CSU ist sich einig. Sogar noch einiger als die CDU. Keine Widerworte bei 34 Wortmeldungen habe es in der Sitzung gegeben, heißt es. Und die Bayern sind überzeugt davon, dass das Angebot von Merkel für sie nicht akzeptabel ist. Zwei Wochen wollen sie offenbar nicht warten. "Wir haben schon zwei Jahre gewartet", sagt einer. "Wir müssen jetzt handeln."

Um kurz nach 15 Uhr treten Landesgruppenchef Dobrindt und Blume vor die Kameras im Reichstag. Mit verschränkten Armen, kühler und berechnender Stimme trägt Dobrindt offiziell vor, was die CSU beschlossen hat.

Einhellig seien alle Punkte des Masterplans unterstützt worden. Teile dieses Plans lägen in der "direkten Verantwortung des Bundesinnenministers. Und den stellen wir", sagt Dobrindt. Innenminister Seehofer könnte die Bundespolizei, eine seinem Ministerium nachgelagerte Behörde, anweisen, Flüchtlinge an der Grenze zurückzuschicken.

"Wir streiten über einen Plan, den keiner kennt"

Nur könnte sich die Kanzlerin solche Alleingänge ihres Ministers nicht leisten. Sie müsste ihn rauswerfen. Damit wäre die Koalition geplatzt. Und die Fraktionsgemeinschaft wahrscheinlich auch. Das weiß auch Dobrindt. "Ich will nicht verschweigen, dass wir eine sehr ernste Situation haben", sagt er. Das unilaterale Vorgehen der CSU schließe ja nicht aus, später noch mal eine Lösung mit der EU oder Anrainerstaaten zu finden, findet er. Außerdem lässt Dobrindt, anders als andere aus der Landesgruppe, offen, wann Seehofer mit den Zurückweisungen beginnen soll. Nicht ausgeschlossen, dass die CSU das Ultimatum auf den Tag nach dem EU-Gipfel legt.

Am Montag soll der CSU-Vorstand in München zusammenkommen. Dort soll Seehofer offiziell von der Partei das Mandat erteilt werden, im Zweifel den Koalitionsbruch zu riskieren und per Ministerentscheid Flüchtlinge zurückzuweisen. Die Zustimmung dafür dürfte wohl deutlich ausfallen. Nach Dobrindt ist der Generalsekretär dran: "Die CSU steht wie eine Eins hinter Horst Seehofers Masterplan", bekräftigt Blume.

Wobei die Frage ist: Um welchen Masterplan geht es eigentlich? Seehofer hat bislang nichts schriftlich vorgelegt. In der CSU-Landesgruppe hatte er seine 63 Punkte zwar Anfang der Woche erörtert. Aber der Fraktionschef der Union, Volker Kauder, beteuert etwa: Er habe kein Dokument vorliegen. Ein äußerst seltener Vorfall, heißt es dazu aus der CDU: "Wir streiten uns über ein Papier, das keiner kennt."

Wie ernst meint es die CSU? Wie weit ist sie im Zweifel bereit zu gehen? Und vor allem: Wie kommt die Partei aus dieser eingefahrenen Lage je wieder raus? Gerne würde man das den Parteichef fragen. Doch Seehofer selbst meidet an diesem Tag die Mikrofone. Während Dobrindt spricht, drückt er sich ein paar Meter abseits an den Aufzügen rum. Schon in der Mitte der Ansprache seines Landesgruppenchefs ist der CSU-Chef verschwunden.