Noch kämpft sie. Auf eine stille Art, gelassen und entschlossen. Versucht, Kompromisse zu schließen und Zeit zu gewinnen. Erinnert auch an ihre Richtlinienkompetenz. Aber Angela Merkel beginnt, Abschied von der Macht zu nehmen. Ihre Kanzlerschaft, so sieht es in diesen Tagen aus, geht langsam zu Ende, an politischer Auszehrung und schierer Erschöpfung.

Die Welt am Sonntag kolportierte am vergangenen Wochenende den Satz Horst Seehofers: "Ich kann mit der Frau nicht mehr arbeiten." Merkel könnte wohl das Gleiche über ihren Innenminister sagen. Die beiden sind einander überdrüssig, menschlich und politisch. Es geht so nicht mehr weiter.

Es geht so auch nicht mehr weiter zwischen ihren beiden Parteien. Erstmals überhaupt tagten die Abgeordneten von CDU und CSU vorige Woche im Bundestag getrennt voneinander. Die Flüchtlingspolitik hat einen tiefen Keil in die Union getrieben. Wie sollte der Kompromiss aussehen, der diese Spaltung überwindet?

Man spürt, wie die Dinge ins Rutschen geraten. In der Union, in der Regierungskoalition, im deutschen Parteiensystem und – am bedrohlichsten – in Europa. Vorbei ist es mit der scheinbaren deutschen Ultrastabilität. Die Konflikte, die jetzt offen ausbrechen, werden weitreichende Folgen haben.

In der CSU herrscht Panik mit Blick auf die Landtagswahl am 14. Oktober. Doch ihr scharfer Schwenk nach rechts dürfte den Angstgegner AfD eher noch stärken. Die Wähler haben ein Gespür für Verzweiflungstaten, gewiss stärkt der Konflikt mit der Bundeskanzlerin nicht das Vertrauen in die regierenden Christsozialen. Mit oder ohne Merkel – die CSU wird im Herbst einen schweren Gang gehen.

Ihrerseits steht die CDU längst nicht so geschlossen hinter Merkel, wie die Treueschwüre der letzten Tage Glauben machen sollten. Für viele Konservative naht der Tag der Abrechnung mit einer Vorsitzenden, die aus ihrer Sicht den Kern der Partei schon seit Jahren aushöhlt. Im Flüchtlingsstreit stehen sie aufseiten Seehofers und warten nur darauf, dies auch offen sagen zu können.

Zerlegt sich die Union, dann wird sie den Weg der SPD gehen, die sich angesichts des verheerenden Ergebnisses bei der vergangenen Bundestagswahl und der noch schlimmeren Umfragezahlen dieser Tage kaum noch Volkspartei nennen kann. Es gäbe kein stabiles Parteiensystem mehr, keine stabilen Mehrheitsverhältnisse im Parlament und damit keine stabile Regierung. Deutschland hätte dann italienische Verhältnisse.