Die SPD hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Asylstreit mit der CSU ihre Unterstützung ausgesprochen – die Koalitionspartner von der Union aber zugleich zur Vernunft aufgerufen. Vizekanzler und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ermahnte die Union, hier gehe es nicht um die Machtkämpfe verschiedener Herrscherhäuser: "Die Aufgabe, unser Land zu regieren, ist keine Folge von Game of Thrones, sondern eine ernste Angelegenheit", sagte er im Anschluss an eine Sondersitzung der SPD-Fraktion im Bundestag.

Partei- und Fraktionschefin Andrea Nahles forderte von der Union: "Nutzen Sie das Wochenende, um sich wieder auf eine sachliche und auf eine kooperative Ebene zu begeben". Auch in der Migrationsfrage gelte: "Nur mit Europa können für Deutschland die richtigen Lösungen gefunden werden". Eine Lösung im Alleingang sei "nicht denkbar und auch nicht sinnvoll", sagte Nahles und stellte sich – wie zuvor bereits Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) – hinter die Position der Kanzlerin.

In der CSU sieht man das anders. Nach der Eskalation am Donnerstag versuchten erste Parteigranden, den Konflikt herunterzuspielen. Der frühere Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sagte, innerhalb der Union sei man sich in 62 von 63 Punkten im Plan seines Amtsnachfolgers einig. "In einem Punkt hakt es noch ein bisschen, aber das kriegen wir hin", sagte der CSU-Politiker in der ARD, beharrte zugleich aber auf der Position seiner Partei und ihres Vorsitzenden. Seehofer werde seinen Asylplan Stück für Stück umsetzen. Der Innenminister müsse machen, was die Bevölkerung von ihm erwartet – "damit nicht nochmal so etwas passiert wie 2015", fügte Friedrich mit Blick auf den Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs hinzu.

Ähnlich hatte sich zuvor bereits Markus Söder (CSU) geäußert. "Die Menschen in Deutschland erwarten endlich eine echte Asylwende, eine Wende in der Flüchtlingspolitik", sagte der bayerische Ministerpräsident im ZDF. Der Bild-Zeitung sagte er, es gelte, alte Fehler zu beheben. Unter anderem müsse der "Asyltourismus" beendet werden. Angesprochen auf einen eventuellen Bruch der Koalition, sagte Söder in der ARD: "Wir wollen auf keinen Fall riskieren, Glaubwürdigkeit zu verlieren."

Laut einem Bericht der Rheinischen Post soll nun Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in dem Streit vermitteln. Die Spitze der CDU sowie explizit Fraktionschef Volker Kauder hätten den früheren Parteivorsitzenden gebeten, in den kommenden Tagen mit der CSU-Führung zu reden, um einen Kompromiss zu finden. Schäuble habe in der Flüchtlingspolitik immer wieder eine kritische Haltung eingenommen, ohne die Loyalität zu Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel aufzugeben, zitiert die Zeitung aus der CDU-Führung. Er besitze auf beiden Seiten Glaubwürdigkeit. 

Der Streit um die Asylpolitik droht zum schwersten Konflikt der Schwesterparteien seit Jahrzehnten zu werden. Der Bundestag unterbrach wegen der Auseinandersetzung am Donnerstag für mehrere Stunden seine Sitzung, CDU und CSU berieten in getrennten Sondersitzungen über das weitere Vorgehen – ohne eine Einigung zu erzielen. Die CSU droht mit einem Alleingang, die Kanzlerin beharrt darauf, die Frage von eventuellen Zurückweisungen an der Grenze in bilateralen Vereinbarungen mit bestimmten EU-Ländern zu klären. Merkel will dies bis zum EU-Gipfel Ende Juni aushandeln – der CSU geht dies nicht schnell genug. Am kommenden Montag treffen sich die Parteien erneut zu getrennten Sitzungen.