Das Szenario wird seit dem Beginn des Flüchtlingsstreits zwischen CDU und CSU immer wieder durchgespielt: Die beiden Unionsschwestern könnten wegen der unüberbrückbaren Differenzen ihre Fraktionsgemeinschaft im Bundestag aufkündigen. Auch wenn derzeit alle Seiten beschwören, die Union sei eine "Schicksalsgemeinschaft" – ausgeschlossen ist derzeit nichts.

Die CSU könnte in diesem Fall bundesweit gegen die CDU antreten. In einer Civey-Umfrage spricht sich eine Mehrheit genau dafür aus. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Insa könnte eine Bundes-CSU sogar mit 18 Prozent Stimmanteilen rechnen. Dennoch: Eine Ausdehnung auf das gesamte Bundesgebiet wäre der größte strategische Fehler, den die CSU begehen könnte. Das würde sie nicht überleben, zumindest nicht auf lange Sicht.

So ein Schritt würde das gesamte Parteiensystem in Deutschland durchrütteln und destabilisieren. Und eines goutieren Unionswähler überhaupt nicht: Unsicherheit. Das Manöver wäre ein offener Putsch gegen Merkel und ihre Getreuen – von denen es immer noch viele an allen relevanten Stellen in der CDU gibt. Seit Beginn der Republik besteht die Fraktionsgemeinschaft. Und niemand wählt gern den Rabauken, der mutwillig die Nachkriegsordnung zerdeppert. 

Die Linkspartei-Falle

Durch eine Ausbreitung auf Deutschland würde das rechte Lager zersplittern. Was das bedeutet, sieht man seit mehr als zehn Jahren am linken Rand: eine permanente Selbstlähmung. Und am Ende könnten auf Landes- oder Bundesebene doch wieder Koalitionen zwischen CDU und CSU nötig werden. Sollte sich die CSU dem verweigern, müsste sie sich fragen lassen, warum sie eine bürgerliche Mehrheit aus Trotz nicht nutzte. Und eine koalitionsunwillige, rechte Partei gibt es mit der AfD schon.

Würde die CSU dann eine solche eingehen, stünden die ach so harten Christsozialen schnell wieder als Mitläufer der CDU da – die Linkspartei-Falle.

Außerdem müsste die CSU in Bundesländern antreten, in denen die AfD mutmaßlich stärker ist als sie selbst, in Sachsen etwa. Schon jetzt schlingert die CSU weitgehend planlos beim Kampf gegen die Rechtsaußen-Konkurrenz. Wie würde das erst aussehen, wenn die CSU einen Rückstand aufholen müsste? Sie würde sich vermutlich in die Gefahr der ewigen verbalen Radikalisierung begeben. Was dann gleichermaßen ihr Ende als Volkspartei wäre.

Die CSU ist im Kern eine bayerische Partei

Würde die CSU in ganz Deutschland antreten, käme im Gegenzug die CDU nach Bayern. Dort würde sie womöglich sogar an der CSU vorbeiziehen, wie eine Forsa-Umfrage nahelegt. Die CSU würde damit wohl unwiederbringlich ihren Alleinvertretungsanspruch in Bayern einbüßen. Der ist aber zentral. Eine CSU ohne Bayernmehrheit wäre ein Zwerg.

Außerdem würde ein Ausbreitung auf ganz Deutschland die CSU im Innersten zerreißen. Der Wesenskern der Partei besteht nämlich nicht nur darin, rechts zu sein – oder zumindest rechter als die CDU. Ganz zentral für den Erfolg der CSU ist die Tatsache, dass sie eine bayerische Partei ist. Wenn sonst mal nichts läuft, ist der Lokalpatriotismus eine nahezu unerschöpfliche Kraftquelle für die CSU. Das ließe sich aber nicht so leicht im Rest des Landes wiederholen.

Dieses Bayern-First ist mehr als eine rhetorische Note. Es hat konkrete sachpolitische Implikationen. Eine Bundes-CSU müsste früher oder später dem CSU-Landesverband Bremen erklären, warum der Länderfinanzausgleich Murks ist und die ganzen Milliarden lieber "dahoam" im reichen Bayern bleiben sollten. Die CSU ist eine Heile-Welt-Partei. Ihr Überschuss an Besserwisserei nährt sich aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg des Freistaats. Würde die CSU dagegen in und für Nordrhein-Westfalen oder Mecklenburg-Vorpommern Verantwortung übernehmen, wäre sie dort zumindest auf die Schnelle kaum so erfolgreich wie in Bayern. Ihre Belehrungen an den Rest der Republik müsste sie sich dann sparen. Sie könnte längst nicht mehr so breitbeinig auftreten wie jetzt.

Für die politische Führung der CSU im Asylstreit mit der Schwesterpartei heißt das: Sie muss die möglichen Konsequenzen ihrer permanenten Eskalation mitbedenken. Die könnten vor allem für die CSU ein Debakel werden.