Seit Anfang Juni dürfen wieder Menschen nach Afghanistan abgeschoben werden, die weder eine Straftat begangen haben noch als Gefährder oder sogenannte Identitätstäuscher gelten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war nach einem Lagebericht des Auswärtigen Amtes zu dem Schluss gekommen, dass der bis dahin geltende teilweise Abschiebestopp aufgehoben werden könnte. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat gerade erst mit 69 Abschiebungen nach Afghanistan kokettiert und wurde dafür von vielen Seiten kritisiert. Einer der abgeschobenen Männer nahm sich in Kabul das Leben.

Was denken in Deutschland lebende Afghanen über die neue Abschiebepraxis der Bundesregierung? Wir haben – noch vor Seehofers Äußerung – Afghanen dazu befragt.

"Meine Heimat ist jetzt Deutschland"

Hamid* stammt aus Herat im Westen Afghanistans. Seit 2015 wohnt er mit seiner Familie im brandenburgischen Forst. Er hat drei Kinder.

"Wer will schon seine Heimat verlassen? Das Leben ist für uns in Deutschland auch nicht einfach. Wir müssen eine neue Sprache lernen und mit einer anderen Kultur und neuen Gesetzen umgehen. Das braucht viel Zeit und Geduld. Und es ist sehr anstrengend.

Ich war beim Essen, als ich die Nachrichten im Fernsehen sah, dass die Abschiebungen weitergehen. Ich bekam große Angst. Wenn wir nach Afghanistan abgeschoben werden, wird man uns bald töten. Wir haben dort keine Familien, zu denen wir können. Mein Vater und meine Geschwister sind alle hier bei uns. Meine Heimat ist jetzt Deutschland. In Afghanistan würde ich mich wie ein Fremder fühlen, ich bin sicher, dass ich Heimweh bekäme.

Ich hatte ein normales Leben in Afghanistan, habe als Schweißer gearbeitet. Durch die Taliban habe ich alles verloren, ich würde dort keinen Job finden. Das bedeutet, mein Leben finge wieder bei null an.

Zurzeit ist Afghanistan nicht sicher. Der Krieg hat das ganze Land zertrümmert. Und die Nachbarstaaten, zum Beispiel der Iran oder Pakistan, unterstützen verschiedene Gruppen im Land. Ihre Interventionen sind auch ein Grund für den Krieg.

Frau Bundeskanzlerin, bitte hören Sie nicht auf die afghanische Regierung. Diese Leute leben in einer anderen Situation. Ihre Kinder und Familien sind im Ausland und haben ein sicheres Leben. Sie selbst leben in Wohnungen, deren Wände kugelsicher sind. Sie verstehen uns arme Leute nicht.

Wenn Sie kein Erbarmen für uns haben, dann bitte wenigstens für unsere Kinder. Sie sind wie junge Obstbäume. Ganz frische Pflanzen. Es ist besser, wir ernten das Obst, als die Bäume vertrocknen zu lassen. Wir müssen unseren Kindern positive Energie geben. Angst und Stress beschädigen ihren Geist."


"Wir haben Angst und schlaflose Nächte"

Nafesa* ist Hamids Frau.

"Mein Vater war Polizist. Mein Cousin hingegen arbeitete für die Taliban und wollte, dass sich auch mein Vater ihnen anschloss. Der aber weigerte sich, so wurden wir zu Feinden der Taliban. Sie haben meinen Vater getötet und die ganze Familie bedroht. Wir verkauften unsere Wohnung, unsere Möbel, unsere Felder. Mit 13.000 Euro konnten wir die Flucht nach Deutschland planen.

Die Situation in Afghanistan ist nicht sicher. Deswegen haben wir große Angst und schlaflose Nächte. Ich will nicht, dass meine Kinder bei einem Bombenanschlag sterben oder dass sie stehlen müssen, um etwas zu essen zu haben.

Hier in Deutschland genießen unsere Kinder eine gute Bildung. Sollten wir nach Afghanistan zurück müssen, bekämen sie große Probleme. Sie haben die deutsche Sprache gelernt, beherrschen sie besser als ihre Muttersprache.

Unsere Flucht hat viel Geld gekostet. Außerdem leide ich unter posttraumatischen Störungen. Auf der Flucht mussten wir viel zu Fuß gehen, Wassergräben durchqueren, überall waren stachelige Disteln, es war furchtbar. Aber wir wollten uns in Sicherheit bringen.

Frau Merkel weiß, dass Afghanistan kein sicheres Herkunftsland ist. Immer wieder kommt es zu Kämpfen und terroristischen Anschlägen. Das muss ihr doch zu denken geben."

*Um die Privatsphäre der Familien zu schützen, verzichten wir auf die Nennung aller Nachnamen.