Auch eine SPD-Vorsitzende hat ihre Fans. "Ihr macht das super, du und der Olaf Scholz", sagt Thomas Jung, der SPD-Oberbürgermeister der bayerischen Stadt Fürth zu Andrea Nahles. Die hat sich im Rathaus gerade ins goldene Buch der Stadt eingetragen und in dem holzvertäfelten Saal auf ihrem Platz vor den Glasmosaikfenstern zurückgelehnt, durch die schwach die Sonne funkelt.

Nahles ist auf Sommerreise durch Mittelfranken. Sie hat die Bundespolizei besucht, mit Mechatronikazubis bei Siemens gescherzt und mit örtlichen Genossen ein paar Bierflaschen gehoben – für ein Foto, wohlgemerkt, die Flaschen blieben verkorkt. Stündlich wurde es heißer, die Außentemperatur beträgt inzwischen 33 Grad und die SPD-Chefin schien eben eigentlich nur kurz die kühle Luft im Rathaus zu genießen. Nun aber schaut sie verdutzt zu ihrem Gesprächspartner, der rechts neben ihr sitzt.

Öffentliches Lob, das bekommt Andrea Nahles nicht so oft. Und da sie an diesem Dienstag 100 Tage im Amt ist, hört sie es natürlich besonders gern. "Ihr habt viel Ruhe reingebracht", sagt Jung weiter mit Blick auf die schwierige Situation der SPD nach der Bundestagswahl und den unfreiwilligen Abgang von Kanzlerkandidat Martin Schulz. Besonders gut, sagt der Oberbürgermeister, habe ihm ihre jüngste Aussage gefallen, dass die SPD in der Flüchtlingspolitik nicht die Grünen imitieren dürfe. Der neue "Realismus", mit dem die Vorsitzende Probleme in der Migrationsfrage klarer anspreche und betone, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne, das alles gebe ihm Zuversicht.

Es geht um jede Stimme

Nahles freut sich. Diese Worte habe sie aber nicht bestellt, ruft sie in Richtung der mitreisenden Journalisten. Und lacht ihr kehlig-vergnügtes Nahles-Lachen. Am 14. Oktober ist in Bayern Landtagswahl und obwohl der Wahlkampf offiziell erst Ende August beginnt, muss die SPD bei ihrem chronisch schwachen Landesverband (aktuell 12 bis 13 Prozent in den Umfragen) um jede Stimme kämpfen. So wie es scheint, manchmal auch um die eigenen. 2013 kam die SPD in Bayern noch auf 20 Prozent. Wird das Bayern-Ergebnis desaströs und geht die zwei Wochen später stattfindende Hessen-Wahl auch verloren, dann werden sie in Berlin auch auf die SPD-Chefin zeigen, die ja für den Gesamtzustand der deutschen Sozialdemokratie verantwortlich ist.

Nach 100 Tagen im Amt sieht Nahles ihre Partei eigentlich auf gutem Weg. Bei der großen Koalitionskrise Anfang des Monats ist sie zusammengeblieben. Genossen berichten von einem neuen, kooperativeren Stil in den Sitzungen und vor allem bei ihrem neuen Kurs in der Flüchtlingsfrage bekommt sie viel Zuspruch von kommunalen Vertretern. So ist neben OB Jung auch das Duisburger Stadtoberhaupt Sören Link ein Fan ihrer neuen Tonart in der Flüchtlingspolitik.

Für die Sommertour in Bayern haben ihre Spindoktoren nun sorgfältig einen Besuch beim "anderen, SPD-freundlichen Bayern" zusammengestellt. Von wegen Hegemonie der CSU – in Fürth zum Beispiel regiert seit 2002 die SPD und das "in absoluter Mehrheit", wie Oberbürgermeister Jung stolz betont. Doch auch in den eher konservativen Regionen sind die Voraussetzungen eigentlich hervorragend wie nie für die sonst strukturell so schwachen Genossen: In Bayern könnte die CSU die absolute Regierungsmehrheit verlieren, führende Kirchenvertreter haben sich gegen die Asylpolitik der Christsozialen gestellt, in München demonstrierten unlängst Zehntausende gegen die Verrohung der Sprache in der Flüchtlingsfrage. Die SPD könnte sich jetzt als soziale und verantwortungsvolle Alternative zu den Wahnsinnigen von der CSU verkaufen.

Sommerreise ohne Kohnen

Spitzenkandidatin Natascha Kohnen liegt jedoch mit ihrer Partei mit 12 bis 14 Prozentpunkten in den Umfragen gleichauf mit der AfD. Überholen am Ende die Rechtspopulisten, dann droht eine große Schmach. Auf Nahles Sommerreise fehlt Kohnen – sie hat Termine auf der schwäbischen Seite des Landes. Hin- und herfahren wäre zu aufwändig gewesen, betonen sie in der SPD. Eine Woche zuvor hatte sich Hessens Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel allerdings nicht nehmen lassen, mit Nahles für Fotos zu posieren, als sie in seiner Heimat zu Besuch war.

Eine gewisse Distanz der Spitzenfrauen Nahles und Kohnen ist auch beim Thema Flüchtlingspolitik spürbar. Kohnen ist eine dezidierte Vertreterin der Position, dass die SPD nun weiter an einer sehr zuwanderungsfreundlichen Politik und dem Ursprungsgedanken der Willkommenskultur festhalten müsse und auf keinem Fall den Skeptikern hinterherlaufen dürfe. CSU-Ministerpräsident Söder warf sie vor, kein Herz für die Menschen zu haben, die im Mittelmeer ertrinken. Vergangenen Freitag verlieh sie Claus Reisch, dem nun angeklagten Kapitän des Rettungsschiffs Lifeline, einen Preis und twitterte: "Es ist eine Schande, wenn Ehrenamtliche, die Menschen in Not retten, weil die EU dazu nicht in der Lage oder willens ist, kriminalisiert werden."