Als der CDU-Vorstand am Montagmorgen um halb neun seine Sitzung aus der Nacht fortsetzt, ist eigentlich alles beim Alten: Die Regierung steht noch, die Union auch, die CSU motzt weiter. Nur eines ist anders: Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat der Schwesterpartei ein neues Ultimatum gestellt. Um 17 Uhr sollen führende CDU- und CSU-Politiker einen Ausweg aus der restlos festgefahrenen Situation suchen. Gibt es keine Einigung im Asylstreit, tritt Seehofer zurück.

Dass eine Lösung gelingt, dafür gibt es derzeit wenig Anzeichen. Denn der CDU-Vorstand bekräftigte am Morgen nach Teilnehmerangaben erneut die Linie, die die Partei bereits am Abend zuvor in einer Erklärung festgelegt hatte: Man verstehe die Sorgen der CSU und wolle sich weiter bemühen, das Problem der Sekundärmigration zu bekämpfen – also jener Flüchtlinge, die innerhalb Europas weiterreisen, obwohl sie bereits in einem Land registriert worden sind.

Doch auf nationale Alleingänge will man sich nicht einlassen. Flüchtlinge mit einem sogenannten Eurodac-Eintrag sollen an der Grenze nach dem Willen der CDU nur dann zurückgewiesen werden, wenn es mit den Ländern, in die sie zuerst eingereist waren, entsprechende Vereinbarungen gibt. Dies hatte Merkel auf dem EU-Gipfel beispielsweise mit Spanien und Griechenland ausgemacht. Migranten aus Ländern, mit denen es solche Abkommen nicht gibt, sollen auch künftig nicht zurückgewiesen werden, so die CDU-Linie.

Eine Trennung der Union wäre fatal

In der Vorstandsitzung habe niemand diese Linie infrage gestellt, auch seien keine davon abweichenden Kompromissvorschläge diskutiert worden, erfuhr ZEIT ONLINE aus Teilnehmerkreisen. Vor allem jene Mitglieder, die wie Gesundheitsminister Jens Spahn oder der Vertreter des Wirtschaftsflügels Carsten Linnemann in der Vergangenheit zu den Kritikern von Merkels Flüchtlingspolitik gehörten, hätten aber betont, dass man alles tun müsse, um die Fraktionsgemeinschaft aus CDU und CSU zu erhalten.

Ein wenig anders äußerte sich der Thüringer Landesvorsitzende Mike Mohring, der sich bei der Verabschiedung der Erklärung am Sonntagabend als Einziger enthalten hatte, am Morgen im Mitteldeutschen Rundfunk. Es sei besser, der CSU die Hand zu reichen, statt die Entscheidung so zu treffen, dass ein Zusammenkommen nicht mehr möglich sei, sagt er im MDR. CDU und CSU seien "zur Einigkeit verdammt". Ein Auseinanderbrechen der Unionsfraktion würde auf Dauer das bürgerliche Lager spalten.

Grafik: ZEIT ONLINE

Die Angst darum, dass die seit 70 Jahren andauernde Fraktionsgemeinschaft in diesen Tagen tatsächlich an ihr Ende kommen würde, ist sowohl in der CDU als auch in der CSU groß – und sie ist real. Denn auch ein Rücktritt Seehofers würde die Situation wohl kaum befrieden. Zwar gibt es in der CDU durchaus ein paar Zweckoptimisten, die sich der Hoffnung hingeben, dass damit eine neue Situation entstehe, die auch wieder zu mehr Beweglichkeit in der CSU führen könne. Doch sehr realistisch ist das nicht. "Es muss niemand meinen, dass die Sache damit erledigt ist", sagte der CSU-Innenpolitiker Michael Kuffer ZEIT ONLINE. Auch ein Nachfolger von Seehofer werde in der Sache keine andere Linie als dieser vertreten. Immerhin hatte sich auch der CSU-Vorstand am Vorabend mit nur einer Enthaltung geschlossen hinter dessen Masterplan gestellt.

Nicht ausgeschlossen ist weiterhin, dass die CSU nach einem Rücktritt Seehofers trotzdem die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU genauso verlassen könnte, wie sie dies im Falle seiner Entlassung durch Merkel sicher getan hätte. Die Folgen wären für CDU und CSU und für das gesamte Parteiensystem der Bundesrepublik kaum absehbar. Das konservative Lager würde zersplittern, Regierungsbündnisse mit nur zwei Partnern fast unmöglich. Das würde dann wohl selbst für die große Koalition gelten. Bürgerliche Mehrheiten – also eine Regierung aus Union und FDP – wären wohl nicht mehr möglich. Absurderweise würde sich die politische Mitte durch den Aufstand der konservativen CSU sogar noch weiter nach links verlagern. Die CDU könnte dann künftig eigentlich nur noch mit Grünen und SPD regieren, da die FDP in migrations- und europapolitischen Fragen der CSU durchaus nähersteht als der CDU.

Diese Kompromisse wurden diskutiert

Kein Wunder also, dass bei all den schlechten Alternativen bei CDU und CSU trotz der festgefahrenen Lage die Devise ausgegeben wird: Irgendwie muss eine Einigung her. "Wir haben harte Arbeit vor uns", sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier, als er am Vormittag die CDU-Zentrale verließ. Vor allem aber dürfe man nicht vergessen, dass man Verantwortung trage für die Menschen, die erwarteten, dass regiert wird. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder betonte den Kompromisswillen der CSU. Bei einer gemeinsamen Fraktionssitzung am Nachmittag im Bundestag bekräftigten sowohl Merkel als auch Fraktionschef Volker Kauder (CDU) und Alexander Dobrindt (CSU) ihren Wunsch, die Union zusammen zu halten. In den vergangenen 70 Jahren habe man Höhen und Tiefen erlebt, dadurch habe sich ein starkes Band entwickelt, das es ermögliche, Konflikte zu beherrschen, sagte Dobrindt.

Doch wie könnte ein solcher Kompromiss aussehen? Aus der CDU gibt es dazu vorerst nur die altbekannten Antworten: Man könne die Schleierfahndung in den Grenzregionen ausbauen und Menschen mit Eurodac-Eintrag künftig in Ankerzentren unterbringen, in denen ihre Verfahren innerhalb einer Woche abgearbeitet werden sollten, heißt es zum Beispiel. Doch das ist genau der Vorschlag, den Merkel Seehofer bereits am Samstag unterbreitet hat und der ihm ja offensichtlich nicht reicht.

Von CSU-Seite wird dagegen immer wieder darauf verwiesen, dass Seehofer Merkel im Gespräch am Samstag bereits drei Kompromissvorschläge gemacht habe. "Einen davon muss Merkel nun annehmen", twitterte CSU-Politiker Kuffer am Montagvormittag.