Der Asylstreit in der Union hat Spuren hinterlassen, auch bei der Kanzlerin. Die Schäden, die eine wütende CSU angerichtet hat, sind durch den Kompromiss nicht geheilt. So viel ist schon nach wenigen Minuten von Angela Merkels Sommerpressekonferenz in Berlin klar.

Einmal im Jahr stellt die Kanzlerin sich den Fragen der Journalistinnen und Journalisten in der Bundespressekonferenz. Es geht immer ein bisschen um alles, das Große und Ganze der Weltpolitik und das Klein-Klein der Fachpolitik. Kaum eine Viertelstunde hat die Bundeskanzlerin geredet, über die schwierige Regierungsbildung, künstliche Intelligenz, zur Beschleunigung von Planungsvorhaben und sonstigem Tagespolitischen, da kommt die erste von vielen Fragen zu Horst Seehofer, der CSU und der Regierungskrise der letzten Wochen.

Drohung an Seehofer

Es lohnt sich, beispielhaft eine ganze Passage aus Merkels Antwort im Wortlaut zu zitieren: "Die Tonalität war oft sehr, sehr schroff und ich persönlich messe der Sprache auch eine sehr, sehr große Bedeutung zu. Und ich werde mich gegen gewisse Erosionen von Sprache sehr wenden. Weil ich glaube, dass es auch Ausdruck von Denken ist, und deshalb muss man sehr vorsichtig sein."

So geht es weiter, immer wieder beklagt sie Form, Stil und Ton der Debatte – in ihrer eigenen Parteienfamilie wohlgemerkt. "Ich glaube, dass das so ist", antwortet sie kühl auf die Frage, ob durch den Flüchtlingsstreit Vertrauen in der Bevölkerung verloren gegangen sei.

Immer wieder das Wort: Richtlinie

Der Kern des Streits, also die Forderung des CSU-Chefs, dass Deutschland im Alleingang Flüchtlinge an der Grenze abweisen soll, sei ein tiefgreifender gewesen. Merkel hat das immer abgelehnt und wollte eine europäische Lösung. Trotz eines komplizierten Regierungskompromisses dürfte der Streit nach dem Sommer weitergehen.

Die Väter des Grundgesetzes hätten für solche Themen eine Vorsehung getroffen, die Richtlinienkompetenz der Regierungschefin, sagt Merkel: "Minister kann nur sein, wer meine Richtlinie akzeptiert." Immer wieder taucht bei Merkel dieses Wort auf, Richtlinie – was auch als Warnung gegenüber Seehofer verstanden werden darf.

Für eine Regierungschefin, die das Rumgedruckse über Jahrzehnte zu einer eigenen Stilform erhoben hat, sind das ungewöhnlich deutliche Worte. Zwar blitzte bei Merkel in den vergangenen Jahren immer wieder so eine Klarheit durch – doch die verschwand dann schnell wieder. Vergessen die Merkel, die Anfang der Nullerjahre neoliberal daherkam – nur um später die Steuersenkungsambitionen der FDP gnadenlos auszubremsen. Weit weg auch jene Merkel, die als Madame Non dem europäischen Süden Sparprogramm über Sparprogramm auferlegt hatte – und die heute als diejenige gilt, die Europa zusammenhält. Oder die Merkel, die pragmatisch bis prinzipienlos Thema um Thema der Sozialdemokraten abräumte. Das alles war rückblickend eher Situationspolitik, geboren aus den Zwängen, Stimmungen und Chancen des Moments.

Die Überzeugungen, die nun zutage treten, gehen tiefer. Denn gleichzeitig erlebt Merkel, wie ihre Grundzüge immer mehr zur Disposition stehen: "Man kann schon sagen, dass der gewohnte Ordnungsrahmen unter Druck steht", sagt sie. Und darin liegt die Dialektik. Man kann sogar so weit gehen: Je mehr sie von Donald Trump, Markus Söder, Alexander Dobrindt, Wladimir Putin, Matteo Salvini und Sebastian Kurz in Zweifel gezogen werden, desto klarer treten Merkels Überzeugungen hervor.

Manchmal kann Politik durch solche Überzeugungen aus sich selbst heraus neue Kraft erzeugen. Die wird Merkel brauchen. "Ich klage nicht", sagt sie, angesprochen auf die kraftraubende Debatte, die hinter ihr liegt, und die vielen Aufgaben, die noch vor ihr liegen. "Zu tun ist jedenfalls genug", die Zeiten seien fordernd.