Chinesische Agenten haben einem Bericht zufolge versucht, einen Bundestagsabgeordneten als Spitzel anzuwerben. Im Sommer 2016 habe ein Spion mit dem erfundenen Namen Jason Wang mehrmals einen Unionspolitiker kontaktiert, schreibt die Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf "mit dem Vorgang vertraute Personen". Demnach sollte der Abgeordnete dem angeblichen chinesischen Manager gegen Geld Details aus dem Politikbetrieb verraten. Kurz bevor Geld geflossen sei, habe der Verfassungsschutz den Abgeordneten allerdings über die wahre Identität von Wang informiert.

Die SZ konnte bei ihrer Recherche nicht eindeutig feststellen, um welchen Politiker es sich gehandelt hat. Zwar habe man viel über die Person erfahren, die Beschreibungen passten letztlich aber auf zwei Abgeordnete gleichermaßen, heißt es. Beide Politiker dementierten demnach, betroffen zu sein. Chinas Botschaft bestritt auf Anfrage der Zeitung die Vorwürfe, sie entbehrten "jeglicher Grundlage".

Der Fall um den Abgeordneten folgte laut SZ einem typischen Muster: Zuerst würde der Betroffene mit Geld angeworben, dann werde ein persönliches Gespräch angestrebt. Ziel sei es, den Deutschen zu einem Besuch nach China zu überreden. Dort könnten chinesische Behörden Handys und Laptops mit Viren infizieren sowie die Person unter Druck setzen.

China soll bedrohlicher sein als Russland

Die SZ berichtet, dass China in einem weiteren Fall erfolgreicher gewesen sei. Hierbei handele es sich allerdings nicht um einen Abgeordneten selbst, sondern um eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter eines Abgeordneten. Chinas Agentenführern sei es jüngst gelungen, den Informanten aus dem Bundestag nach China zu fliegen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Sicherheitsexperten in Berlin. Die Person soll bereits mehrmals nach China gereist sein und für "Analysen" aus dem deutschen Parlament insgesamt 10.000 Euro erhalten haben. Der Kontakt soll ebenfalls über Jason Wang hergestellt worden sein.

Wang besaß laut SZ ein seriös erscheinendes Profil in sozialen Medien; dort sei er mit anderen deutschen Politikern und angesehenen Forschern vernetzt gewesen. Vor einem halben Jahr hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) mitgeteilt, dass China verstärkt Fake-Profile in sozialen Netzwerken – vor allem LinkedIn – zur Quellenwerbung nutze. "Bei mehr als 10.000 deutschen Staatsangehörigen ist es zu derartigen Kontaktversuchen gekommen", hieß es von der Behörde.

In der Vergangenheit war in Deutschland und anderen westlichen Ländern vor allem über Russland als mögliche Quelle von Geheimdienstangriffen diskutiert worden. Der Chef des BfV, Hans-Georg Maaßen, warf Russland etwa vor, für einen großflächigen Hackerangriff auf das Datennetzwerk des Bundes verantwortlich zu sein, der im Februar bekannt geworden war. In einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion heißt es zudem, es gebe immer wieder Hinweise, dass russische Spione Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten anwerben wollten.  

Das Bundeskanzleramt schätzt die Bedrohung aus China nach SZ-Angaben jedoch stärker ein als die aus Russland. Russland wolle nur zerstören und Chaos stiften – China hingegen langfristig steuernden Einfluss gewinnen. Der BND schätze, dass Chinas Geheimdienstapparat mehr als eine Million Mitarbeiter habe, schreibt die Zeitung.