Der Zwischenfall traf die Truppe nicht überraschend: Ende Mai donnerte bei einer Übung auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken eine Mörsergranate nicht wie geplant in ihr Ziel, sondern fiel direkt neben dem Abschussgerät wieder zu Boden – und einem Soldaten auf den Rücken. Zum Glück zündete die Sprengladung nicht, der Vorfall ging glimpflich aus. Vorsorglich sperrte die Bundeswehr alle Bestände dieser Mörsermunition: Zu groß war die Gefahr, dass die Treibladung noch einmal versagen könnte oder dass der Zünder die Granate zum falschen Zeitpunkt zur Detonation bringen könnte.

Mit dieser Munition hatte sich das Heer schon einmal beschäftigen müssen: bei der Ausstattung einer schnellen Eingreiftruppe für den Norden Afghanistans. Das war vor zehn Jahren, im Januar 2008. Die schon damals überlagerten Granaten – produziert Ende der Achtziger- sowie Anfang der Neunzigerjahre – wurden für den Einsatz gesperrt. Im Ausbildungsbetrieb daheim wurden sie jedoch weiter genutzt. Denn von der neu beschafften Munition gab und gibt es zu wenig.

Auf politischer Ebene wird derzeit wieder wortreich über selbst gesetzte Ziel der Nato gestritten, bis 2024 möglichst zwei Prozent der Wirtschaftskraft für die Verteidigung auszugeben. Deutschland hat diesem Ziel zugestimmt. In der Praxis, so haben Wissenschaftler von zwei Berliner Thinktanks kürzlich vorgerechnet, würde das einen Wehretat von 85 Milliarden Euro bedeuten – innenpolitisch eine Illusion. Bei dem Streit wird gern vergessen, dass die Bundeswehr schon allein deshalb mehr Geld benötigt, um sicherstellen zu können, dass die Soldatinnen und Soldaten so ausgestattet sind, dass sie die Forderungen der Politik auch erfüllen können.

Die Defizite hatten Verteidigungsministerium und Bundeswehr in den vergangenen Jahren regelmäßig aufgelistet: Der Bericht zur Materiallage, den Bundestag und Öffentlichkeit vorgelegt bekamen, ist eine dauerhafte Mängelliste. Nicht einsatzbereite Panzer, Schiffe, Hubschrauber und Flugzeuge, fehlende Ersatzteile und nicht zuletzt massive Verspätungen bei der Lieferung von neuem Gerät.

Und es wird noch schlimmer. Vor knapp drei Wochen teilte die Marine mit, ihre beiden letzten Tankschiffe seien vorerst aus dem Verkehr gezogen worden: Eine maritime Untersuchungsgesellschaft, vergleichbar dem TÜV, hatte sie wegen Mängeln an der Antriebsanlage stillgelegt. Überraschend kam auch das nicht, denn die beiden Einheiten sind Baujahr 1974 und fahren schon seit Jahren nur noch mit Sondergenehmigung – als zivile Schiffe dürften sie angesichts der Umweltauflagen schon gar nicht mehr betrieben werden. Für die Neubeschaffung, die seit mehr als einem Jahrzehnt ansteht, war nie das nötige Geld im Haushalt vorhanden.

Die Bundeswehr hatte in den vergangenen Jahren Kürzungen hinnehmen müssen, was in der Gesamtsumme nicht so drastisch schien. Doch steigende Kosten wirkten sich massiv aus: Allein die Personalausgaben – mehr als ein Drittel des Etats – steigen mit jeder Besoldungsrunde im öffentlichen Dienst. Allein im kommenden Jahr muss das Ministerium dafür rund 900 Millionen Euro zusätzlich ausgeben.