CDU und CSU sind nicht zum ersten Mal in Streit geraten. Vor allem der einstige CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß attackierte die Schwesterpartei oft und drohte mehrfach mit dem Bruch. Die Parallelen zu 2018 analysiert Philipp Gassert, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim und Autor einer Biografie über Kurt Georg Kiesinger.

Im Unionsstreit war oft vom "Geist von Kreuth" die Rede, den CSU-Chef Horst Seehofer und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder vorübergehend aus der Flasche gelassen hätten. Gemeint ist die Drohung, die Fraktionsgemeinschaft der Unionsparteien im Bundestag aufzukündigen – wie es die CSU-Landesgruppe am 19. November 1976 auf einer Klausurtagung in Wildbad Kreuth beschloss.

Die Sache ging damals vorhersehbar schief. Der damalige CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß hatte die Stimmung in seiner Partei falsch eingeschätzt. Als er in einer saftigen Rede in einem Hinterzimmer der Hendl-Kette Wienerwald sogar noch nachlegte und CDU-Chef Helmut Kohl persönlich beleidigte, manövrierte sich der wortgewaltige Bayer ins Aus. Kurz danach waren CDU und CSU wieder vereint. Doch der Grundsatzkonflikt über Koalitions- und Machtoptionen sowie das "konservative" versus "christdemokratische" Profil der Union ist seither immer wieder aufgebrochen.

Seehofer und Söder scheinen vorerst aus den Fehlern von Übervater Strauß gelernt zu haben, ein Bruch der Fraktion kam für sie nicht in Frage. Ohnehin hinken alle Vergleiche zu 1976. 2018 stellt die Union die Kanzlerin, damals darbte sie in der Opposition. Strauß war frustriert, weil nach der Bundestagswahl 1976 eine Regierungsverantwortung der Union in weite Ferne gerückt war. SPD-Kanzler Helmut Schmidt saß fest im Amt und hatte seine sozialliberale Koalition in die nächste Legislaturperiode gerettet. Die Schuld für die Wahlniederlage gab Strauß dem gemeinsamen Spitzenkandidaten Kohl. Dem "politischen Pygmäen" von der CDU sprach er das intellektuelle und machtstrategische Format für eine Wende ab, während er, der einfache Abgeordnete, sogar vom Großen Vorsitzenden Mao höchstpersönlich empfangen worden sei. Der talentierte Strauß sah sich dauerhaft in die zweite Reihe verbannt. Bayerischer Ministerpräsident wurde er erst zwei Jahre später.

1968 war Strauß Kabinettsmitglied, so wie Seehofer heute

Wer eine historische Parallele zu heute sucht, muss zurück ins Jahr 1968, zur ersten Großen Koalition. In einer Sitzung des CSU-Führungskreises am 16. September 1968 in Bad Reichenhall machte Strauß sich intern für eine Auflösung der Fraktionsgemeinschaft und eine bundesweite Ausdehnung der CSU stark. Auch damals hing der Koalitionssegen schief.

Zwar kam der CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger ganz gut mit der SPD zurecht. Mit deren Fraktionsvorsitzenden und Einpeitscher Herbert Wehner verstand er sich prächtig. Doch Kiesinger hatte – darin vergleichbar mit Angela Merkel – seine Müh und Not mit den christsozialen Freunden aus Bayern. Strauß, der als Bundesfinanzminister, Kabinettsmitglied und CSU-Vorsitzender eine analoge Stellung wie Seehofer heute bekleidete, ließ wenige Gelegenheiten aus, den Kanzler zu piesacken und coram publico vorzuführen. Strauß warf Kiesinger vor, er sei in seiner Haltung gegenüber der SPD "viel zu lasch", das programmatische Profil der Union verwässere im großkoalitionären Einheitsbrei.

Der casus belli war 1968 die Ostpolitik. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Sowjets im August 1968 schienen alle Ansätze zur Entspannung in Europa gescheitert zu sein. Kiesinger wollte das nicht akzeptieren. Er hielt am Kurs der behutsamen Öffnung nach Osten fest und stand hier politisch SPD-Außenminister Willy Brandt deutlich näher als Strauß und anderen in der Union, die vom Kanzler nun eine scharfe antikommunistische Rhetorik erwarteten.

Sprengstoff lag auch in der Frage der westdeutschen Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags, einer wichtigen Vorbedingung der Verhandlung mit dem Osten. Kiesinger lavierte, während Strauß in völliger Verkennung der globalen Machtverhältnisse sich dem "Diktat" eines atomaren Verzichts der BRD nicht unterwerfen wollte. In dieser Schicksalsfrage müssten sich die Deutschen notfalls gegen ihre westlichen Alliierten stellen, fand Strauß: "Neue Haltung nötig. Eigene deutsche Politik. Ende der Duckmäuserei".