Nein, tauschen möchte man mit Horst Seehofer gerade wirklich nicht. Seit Wochen stolpert er von einer misslichen Lage in die nächste. Auf einen unglücklichen Auftritt folgt ein verpatztes Interview, auf die Rücktrittsdrohungen der Rücktritt vom Rücktritt . Und nun sind natürlich die Medien schuld.

Jeder, der es sehen wolle, bemerke, dass gerade eine "Kampagne" gegen ihn geführt würde, sagt Seehofer nun der Augsburger Allgemeinen. Seine Worte fügen sich ein in das Bild eines Innenministers, der seit Wochen wie gebannt auf den Pressespiegel starrt und dabei die Politik vergisst, der hinter jeder Ecke einen Verräter wittert und sich im Amt wundgerieben hat.

In der Tat konnte man dabei zuschauen, wie der politische Stil Seehofers eine bedrohliche Spätphase erreichte. Die ironische Distanz zur Politik und auch zu sich selbst hatte ihn einmal souverän und immer wieder auch sympathisch gemacht. Aber nun saß der Innenminister vor der versammelten Hauptstadtpresse und gluckste über die 69 Abschiebungen zu seinem 69. Geburtstag, ganz als wären die abgeschobenen Afghanen die Kerzen auf seiner Torte.

Die CSU rückt von ihm ab

Den Blick für die schreckliche Wirklichkeit, mithin für menschliche Schicksale überhaupt, den schien Seehofer in diesen Tagen verloren zu haben. Er, der einst als der "Herz-Jesu-Katholik" galt, weil er sich stets schützend vor den Sozialstaat stellte und ihn gegen die neoliberalen Anwandlungen seiner Partei verteidigte, war für viele nun nur noch das menschenverachtende Antlitz der deutschen Christsozialen.

Auch für die CSU wurde Seehofer immer mehr zum Problem. Er war nicht der strahlende Innenminister, der in Berlin endlich "lieferte", sondern der strauchelnde Parteichef, der in einem Ministerium saß, das er nicht wollte und dort Konflikte produzierte, die niemand mehr wegkommunizieren konnte.

Und so gibt es in der CSU derzeit einige, die sich bereits darauf vorbereiten, Seehofer zum Alleinschuldigen für den Verlust der absoluten Mehrheit bei der Landtagswahl im Oktober zu machen. Markus Söder tut das noch etwas gespreizt, indem er die schlechten Umfragen in Bayern als Folge von "Berliner Problemen" bezeichnet. Andere in der Partei sind da deutlich forscher. Seehofer handle völlig isoliert, heißt es etwa aus Söders Umfeld. Der Parteichef stimme sich mit niemandem mehr ab, selbst seine besten Freunde habe er verprellt.

Es ist ein ziemlich eingängiges Drehbuch, an dem nun einige in der CSU schreiben: Ein freier Radikaler in Berlin schadet der Gesamtpartei in Bayern. Seehofer, der sich nach der Bundestagswahl nicht von seiner Macht lösen konnte, hat nun den Machtverlust der CSU zu verantworten. Doch eigentlich wissen in der CSU selbst die ärgsten Seehofer-Gegner, dass der Parteichef wohl kaum, wie es dann heißt, "die Dinge zu verantworten hat". Denn das unglückliche Agieren Seehofers ist ein Symptom, nicht aber die Ursache des großen CSU-Dilemmas.