So viel Bekenntnis zur Union war lange nicht. Am Tag nach der Chaosnacht von München betont CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt im Reichstagsgebäude, welch "starkes Band" die Christsozialen mit der Schwesterpartei CDU verbinde. Die Fraktionsgemeinschaft, gewachsen in 70 Jahren. Die vielen Koalitionen. Und der Streit von CSU-Chef Horst Seehofer mit der Kanzlerin über die Zurückweisungen anderswo in der EU registrierter Flüchtlinge? Doch nur eine Sachfrage.

Es gibt in der CSU Menschen, die Dobrindts Auftritte der vergangenen 24 Stunden für eine ausgeklügelte Inszenierung halten. In der Partei ist in diesen Tagen nichts wie bisher. Ihre Führung hat die Frage der von Angela Merkel abgelehnten Zurückweisungen zum Prinzipienproblem gemacht und damit zur Machtfrage. Die CSU hat sich festgebissen an diesem einzigen der 63 Punkte von Seehofers sogenanntem Masterplan (PDF) für die Flüchtlingspolitik. "Weil man das immer propagiert hat", sagt einer. "Und man nun gezwungen ist, glaubwürdig zu bleiben."

Seehofer hat deswegen in der nächtlichen Dauersitzung von Parteivorstand und Landesgruppe erst seine internen Gegner beschimpft ("Dumme kann man nicht überzeugen") und dann seinen Rücktritt als Innenminister und CSU-Chef angeboten.

Wer so etwas tut und dann nicht vollzieht, ist normalerweise irreparabel beschädigt. Das müsste auch Dobrindt wissen. Doch er setzte sich an die Spitze einer Gruppe von CSU-Führungsleuten, die Seehofer in einem Separee der Parteizentrale umzustimmen versuchten. Zumindest diese Kleingruppe sei in die Inszenierung Dobrindts und Seehofers eingeweiht gewesen, sagt einer aus der Führung, der im Tagungssaal zurückblieb. Politik als Theater? Um die Kanzlerin mit dem Anschein kompromissbereit zu machen, die Koalition könnte brechen? 

Seehofers nächtlicher Auftritt kurz vor zwei Uhr hat viele Christsoziale ratlos zurückgelassen, wie sich in Gesprächen zeigt. Seehofer gab vor der Tür der CSU-Zentrale bekannt, dass sein Rücktritt vertagt sei, stattdessen werde ein weiteres Einigungstreffen mit Merkel angesetzt. In der Grünanlage vor dem Gebäude suchten selbst altgediente CSU-Führungsleute mit gesenktem Kopf und gedämpfter Stimme nach Worten, um das Geschehen zu erklären. "Das hat es noch nicht gegeben", sagt einer der Sitzungsteilnehmer, der lange Jahre in der bayerischen Staatsregierung verbrachte. Zu dieser Lage passt ein Zitat aus Franz Josef Strauß' Erinnerungen: Es sei unmöglich, "ein so kompliziertes Phänomen wie die CSU auf einen einfachen Nenner zu bringen".

Die Parteiführung ist zerrissen: Hart bleiben, sagen die einen, etwa 60 Prozent der Sitzungsteilnehmer, wie einer von ihnen schätzt. Diese Gruppe streut die Botschaft, sogar das Ministerium halte die von Merkel auf dem EU-Gipfel in Brüssel vereinbarten Schritte für wirkungslos – im Gegenteil, sie verstärkten den "Pull-Faktor", durch den noch mehr Flüchtlinge an die deutsche Grenze kämen, sagt einer im Innenhof der Münchner Parteizentrale im Vorübergehen, ohne Belege zu nennen.

"Am besten wäre, er tritt zurück"

Den Starrsinn aufgeben, den Kompromiss mit Merkel eingehen, "es nicht auf die Spitze treiben", fordern die anderen, darunter der CSU-Europaabgeordnete Manfred Weber. Man habe ja schon viel erreicht: die Obergrenze für Flüchtlinge im Koalitionsvertrag, das Türkeiabkommen. Ein Teil dieser Gruppe ist mittlerweile sauer, dass die CSU sich an einer "solchen Pipifax-Frage" aufreibt, ob man nun zurückweisen kann oder nicht. "Verantwortungslos, eine solche Frage auf die Spitze zu treiben." Einige würden es hier begrüßen, dass Seehofer geht: "Am besten wäre, er tritt zurück." Ex-Staatskanzleichef Erwin Huber sagt sogar öffentlich, dass er Seehofers Demission für unausweichlich hält. 

Das wirft erneut die Frage auf, wer Seehofer folgen könnte. Ministerpräsident Markus Söder würde Seehofer sowieso früher oder später als Parteichef beerben. Doch auch Dobrindt gehört zu denen, die Ambitionen auf den obersten Parteiposten haben. Das sei kein Widerspruch zu seinem Seehofer-treuen Verhalten in der Nachtsitzung von München, sagt ein interner Kenner der beiden, der die CSU-Führung als System von Abhängigkeiten und Grabenkämpfen illustriert: "Dobrindt spielt sein eigenes Spiel." Von offenen Rechnungen ist die Rede.

Am Montag fuhr Seehofer also wieder als Innenminister und Immer-noch-Parteichef zur Krisensitzung mit Merkel nach Berlin. Selbst wenn die Einigung scheitert und er die Bundeshauptstadt in den kommenden Tagen doch als Privatier verlassen sollte: Aus Sicht einiger CSU-Politiker muss das nicht den Ausstieg der CSU aus der Koalition mit CDU und SPD bedeuten. Zwar bestünde dann der Dissens über die Zurückweisungen unverändert fort. Kein Problem, sagt aber einer der Seehofer-kritischen Optimisten: "Mit neuen Personen kann man das Sachproblem neu angehen."