Im Herbst wird die CSU aller Wahrscheinlichkeit nach ihre absolute Mehrheit im Bayerischen Landtag verlieren. Die Christsozialen werden zum Opfer eines größeren Trends, glaubt der Politikwissenschaftler und Parteienforscher Uwe Jun von der Uni Trier: des Niedergangs der Volksparteien.

ZEIT ONLINE: Herr Jun, die CSU steht in Umfragen derzeit bei etwa 40 Prozent. Von solchen Werten können die meisten Parteien in Deutschland nur träumen. Warum wirkt die Partei dennoch so panisch?

Uwe Jun: Die CSU ist geprägt vom Selbstverständnis der absoluten Mehrheitspartei und ihrer Stellung als bayerische Staatspartei. Das ist ihre DNA. Die absolute Mehrheit hat ihr über Jahrzehnte bundespolitisches Gewicht gegeben. Der Anspruch war seit den Fünfzigerjahren auch von der Realität gedeckt – mit Ausnahme der Jahre 2008 bis 2013, als die CSU mit der FDP koalieren musste.


ZEIT ONLINE: Die CSU behauptet von sich selbst gerne, die letzte Volkspartei Deutschlands zu sein.

Jun: Der Volksparteienanspruch der CSU ist durchaus berechtigt. Die CSU fand in der Vergangenheit in allen Bevölkerungsgruppen Bayerns Anerkennung, die letzte Bundestagswahl mal ausgeklammert. Ihre Wähler kommen aus allen Schichten und vielen Milieus. Sie hat zudem eine recht hohe Mitgliederzahl und -dichte sowie eine breit gestreute Basis, regional wie sozial. Der Anspruch, als Volkspartei zu gelten, wird auch dadurch untermauert, dass die CSU immer die Landesregierung gestellt hat – Regierungswille als ein wesentliches Kennzeichen von Volksparteien. Und auch programmatisch hat sich die CSU immer als relativ flexibel erwiesen. Sie versteht sich soziokulturell als konservatives Bollwerk, legt aber sozioökonomisch Wert auf soziale Aspekte und harmonisiert diese mit gewissen marktwirtschaftlichen Positionen.

ZEIT ONLINE: Welche Funktion hatten Volksparteien in unserem politischen System?

Jun: Die zentrale Funktion beider Großparteien war die Integration vieler Wählergruppen. Das ist lange Zeit hervorragend gelungen. Die Adenauer-CDU hat es in den Fünfzigerjahren geschafft, viele bürgerliche Wählergruppen zusammenzubringen, nicht nur Katholiken und Protestanten, sondern zum Beispiel auch die sogenannten Heimatvertriebenen. Der SPD ist es ihrerseits in den Siebzigerjahren gelungen, die gewerkschaftsnahen Arbeitnehmer und die akademisch ausgebildeten linken Gruppen zu vereinen. Weil die Parteien in sich heterogen waren, haben sie in sich selbst für Ausgleich gesorgt. Diese innere Kompromissfähigkeit begünstigte Regierungsstabilität, die wir lange gewohnt waren.

ZEIT ONLINE: Warum erleben wir gerade die Erosion der CSU als Volkspartei?

Jun: Alle Großparteien haben es derzeit schwer. Das liegt an langfristigen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, an Prozessen wie Pluralisierung von Lebensstilen, Fragmentierung von Gesellschaftsgruppen oder Individualisierung. Dazu polarisiert sich zurzeit das Meinungsklima. Das heißt, die Menschen fühlen sich jetzt mehr angesprochen von klaren Positionen, die nicht unbedingt dem Kompromisskorridor der großen Parteien entsprechen. Diese momentane Erscheinung läuft dem Volksparteienprinzip des Ausgleichs ein Stück zuwider und begünstigt kleinere Parteien.

ZEIT ONLINE: Der Trend ist also gegen die CSU, fast unabhängig davon, was sie jetzt im Wahlkampf macht?

Jun: Es ist auf jeden Fall deutlich schwieriger geworden, Mehrheiten herzustellen, seit sich die Gesellschaften stärker ausdifferenzieren. Wähler entscheiden situativer und emotionaler. Die Parteiidentifikation sinkt deutlich.

Ausdifferenzierung betraf bislang vor allem die politische Linke

ZEIT ONLINE: Eine Ausdifferenzierung im Parteiensystem ist ja nicht neu.

Jun: Das hat in den Siebzigerjahren angefangen. Die großen Parteien, insbesondere die SPD, ließen in ihrer Integrationsleistung nach, einige Wählergruppen fühlten sich durch sie nicht mehr repräsentiert. Die Grünen sammelten zunächst die ökologische Bewegung, aber auch die Frauen- und die Friedensbewegung hinter sich. Dann kam in den Neunzigerjahren die PDS dazu, die zunächst erfolgreich proklamierte, die Interessen der ostdeutschen Bevölkerung zu vertreten, um später als Linkspartei soziale Gleichheit zu vertreten. Die Modernisierung der CDU unter Merkel hat nun den Trend der Ausdifferenzierung weiter begünstigt, indem etwa einige wertkonservative Bürger oder solche mit traditionellen beziehungsweise autoritären Einstellungen sich von der CDU vernachlässigt fühlen.

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat die Ausdifferenzierung?

Jun: Vor allem die Regierungsbildung wird schwieriger. Zur politischen Ausdifferenzierung tritt Segmentierung, das heißt, die Parteien schotten sich gegenseitig stärker ab. Die grundsätzliche Bereitschaft zum Kompromiss und zur Regierungstätigkeit, die Volksparteien ja auszeichnet, ist gesunken. Die regierungswilligen Parteien müssen in der Folge noch stärker zusammenrücken. Dadurch eröffnet sich wieder die Möglichkeit der erfolgreichen Polarisierung für regierungskritische Parteien.

Was kann den Niedergang aufhalten?

ZEIT ONLINE: Wir müssen uns langfristig also auch in Bayern auf Zweier- oder Dreierkoalitionen einstellen?

Jun: Der Typus der Koalitionsregierung wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nach der Wahl zu beobachten sein. Für mögliche Koalitionspartner der CSU werden die Gespräche schwierig werden, weil sich die Partei in den letzten Monaten im Bund als recht sperriger Koalitionspartner erwiesen hat.

ZEIT ONLINE: Was könnte den Niedergang der Volksparteien stoppen?

Jun: Es besteht zum einen die Möglichkeit, sich über aktuelle Themen zu profilieren. Zum anderen gibt es einen weiteren wichtigen Faktor: das Personal. Die Union verdankt ihre Erfolge, besonders bei der Bundestagswahl 2013, zu einem guten Teil der Popularität von Angela Merkel. Oder nehmen Sie das Beispiel Rheinland-Pfalz. Dort sind beide großen Parteien nach wie vor recht stark, wesentlich auch, weil SPD und CDU bei der letzten Landtagswahl mit Malu Dreyer und Julia Klöckner populäre Spitzenkandidatinnen hatten. Populäre Ministerpräsidenten waren zuletzt ein Garant für Wahlerfolge. 

ZEIT ONLINE: In der CSU scheint man gehofft zu haben, dass Markus Söder ähnlich populär sei.

Jun: Markus Söder ist erst kurz im Amt und hat daher noch nicht viele Möglichkeiten gehabt, Popularität als Ministerpräsident zu sammeln. Zudem hat die CSU das Thema Migration und Flüchtlinge sehr stark in den Vordergrund gestellt und damit auf ein Politikfeld gesetzt, bei dem es ihr bislang nicht gelungen ist, die Wähler von sich zu überzeugen.