Nach dem EU-Gipfel sucht die EU-Kommission in Afrika Länder, die Aufnahmelager für Flüchtlinge auf ihrem Territorium einrichten. "Das erfordert Partnerschaftsabkommen mit Ländern im Norden Afrikas, die entweder direkt am Mittelmeer liegen oder in der Sahelzone", sagte EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger (CDU) der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Laut Oettinger soll mit den Aufnahmezentren das "Unwesen der Schlepper" beendet werden, was aber nicht zu unzumutbaren Belastungen für die Partnerländer führen dürfe. Oettinger nannte keine konkreten Länder, nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung strebt die EU-Kommission Verhandlungen mit Libyen, Mali, Niger und Nigeria an.

Ägypten, Tunesien, Algerien und Marokko lehnten die Errichtung von Aufnahmezentren bereits ab. Zum Teil seien diese nicht mit den gesetzlichen Regelungen vereinbar. Der ägyptische Parlamentspräsident Ali Abd al-Aal sagte der Welt am Sonntag: "EU-Aufnahmeeinrichtungen für Migranten in Ägypten würden gegen die Gesetze und die Verfassung unseres Landes verstoßen." Demnach lasse die ägyptische Gesetzeslage keine Errichtung von Flüchtlingslagern zu. "Legal eingereiste Migranten könnten sich in Ägypten aufhalten, wo sie wollten und könnten nicht gezwungen werden, in bestimmten Einrichtungen zu bleiben", sagte Ali Abd al-Aal.

Schon jetzt werden laut Abd al-Aal in Ägypten "etwa zehn Millionen Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, dem Jemen, Palästina sowie aus dem Sudan, Somalia und anderen Ländern" leben, wobei alle Flüchtlinge ein Recht auf Gesundheitsversorgung und Bildung hätten. "Damit sind unsere Kapazitäten schon heute ausgelastet. Daher ist es wichtig, dass Ägypten Unterstützung von Deutschland und der EU erhält", sagte der Parlamentspräsident. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte bereits betont, dass nicht gegen den Willen der nordafrikanischen Staaten entschieden werden dürfe, und auch das Völkerrecht beachtet werden müsse.

Höhere Zahlungen für Ausbau von Frontex

Im Hinblick auf den geplanten Ausbau der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex, die bis 2020 auf 10.000 Mitarbeiter aufgestockt werden soll, bereitete EU-Kommissar Oettinger die Mitgliedstaaten auf höhere Zahlungen in den EU-Haushalt vor. "Ich erwarte deshalb, dass uns die Mitgliedstaaten auch außerordentliche Mittel geben, wenn das nötig ist", sagte Oettinger. Er prüfe derzeit Umschichtungen im Haushalt. Das Ziel hänge aber auch vom Arbeitsmarkt ab. Laut Oettinger braucht man gut ausgebildete Bewerber, weshalb zunächst die nationalen Behörden Personal abordnen müssen.

Auf dem EU-Gipfel am 28. Juni hatten sich die EU-Mitgliedsstaaten darauf geeinigt, Flüchtlinge an den Außengrenzen effizienter an der Einreise zu hindern. Die Maßnahmen sollen Oettinger zufolge bis September ausgearbeitet und verabschiedet werden und zum Jahreswechsel in Kraft treten. Diskutiert werden unter anderem disembarkation platforms, also Lager außerhalb der EU, in denen zum Beispiel der UNHCR die Chance auf Asyl prüfen könnte. Allerdings hat sich bislang kein infrage kommendes Land bereit erklärt, solche Aufnahmelager zu errichten. Die tunesischen und albanischen Behörden sagten auf Anfrage von ZEIT ONLINE, sie wüssten von keiner Anfrage.

SPD legt Papier zur Asylpolitik vor

Libysche Verhandlungsführer schlossen bereits am Montag solche Zentren aus, stattdessen halten sie an einem Abkommen mit Italien fest und dringen auf Alternativen wie Niger oder Tschad. Im Niger gibt es schon Zentren für Migranten, diese dienen aber der Information von Migranten und keiner vorläufigen Asylprüfung. Und Marokkos Direktor für Migration und Grenzschutz, Khalid Zeraouli, sagte, das Königreich habe kein Interesse an solchen Einrichtungen. Sie seien "nicht die Lösung".

In Deutschland positionierte sich auch die SPD gegen die geplanten Aufnahmezentren. In einem Papier, dass dem Spiegel vorliegt, fasste die Partei ihre fünf asylpolitischen Kernpunkte zusammen. Demnach benötigen Schutzsuchende "Sicherheit, Perspektiven und eine schnelle Integration". Wer allerdings keinen Schutzanspruch hat, müsse in sein Heimatland oder einen sicheren Drittstaat zurückkehren. Flüchtlinge dürfen demnach nicht in geschlossenen Lagern (controlled areas) untergebracht werden – die oftmals "den humanitären Standards unseres Kontinents nicht entsprechen".