Es gibt keine starken Bilder mehr von Frauke Petry. Die ehemalige AfD-Chefin sitzt als fraktionslose Abgeordnete in der letzten Reihe im Bundestagsplenum und blickt auf die Hinterköpfe ihrer früheren Parteikollegen. Allein ihr Sitznachbar, der ebenfalls ausgetretene Mario Mieruch, applaudiert noch, wenn sie am Rednerpult spricht; in den Gängen des Plenarsaals meiden die anderen Abgeordneten ihren Blick. Die Politikerin Petry ist heute eine Abgeordnete ohne Einfluss. 

Das war mal ganz anders: 2015 etwa, als sie in einer überhitzten Essener Parteitagshalle den damaligen AfD-Chef Bernd Lucke stürzte. "Frauke, Frauke!", jubelten ihre Anhänger. Oder 2017 beim Treffen der europäischen Rechtspopulisten in Koblenz, als sie gemeinsam mit der Französin Marine Le Pen und dem Niederländer Geert Wilders auf die Bühne trat.

Als neugewählte AfD-Chefin hat Petry die Nationalisten ihrer Partei erst gewähren lassen, manche sogar gefördert. Später versuchte sie, den Rechtsruck der Partei zu stoppen, und war plötzlich isoliert. Der Grad der Entfremdung zeigte sich 2017 im Bundestagswahlkampf, als sie die Bikini-statt-Burka-Plakate der AfD so unerträglich fand, dass sie für ein eigenes Motiv mit ihrem damals neugeborenen Sohn posierte.

Am Morgen nach der Wahl ging sie. In der Pressekonferenz der AfD, in der die Vorsitzenden eigentlich das Wahlergebnis von 12,6 Prozent analysieren wollten, verkündete Petry ihren Rückzug. Auf dem Podium zurück blieb eine schockierte Führungsspitze. Das war Petrys letzter öffentlicher Triumph.

Ihr Bundestagsmandat hat sie behalten, außerdem sitzt Petry seitdem als einfache Abgeordnete im sächsischen Landtag. Schmerzt die einstige Vorsitzende von fast 30.000 Parteimitgliedern der Verlust von Macht und Posten? "Mir ging es nie um die Funktion oder Macht, sondern immer um die Inhalte von Politik", sagt sie heute. "Macht in einer Struktur, die in die falsche Richtung läuft, ist inhaltlich nicht mehr viel wert."

Mit wenigen Vertrauten hat sie die Blaue Wende gegründet – eine derzeit 500 Mitglieder starke Retro-AfD mit deren politischen Leitsätzen aus dem Gründungsjahr 2013, aber ohne die schlimmsten Radikalismen der heutigen Gauland-Partei. Petry wünscht sich eine wirtschaftsliberale blaue Bewegung als einen Ort, an dem sich Konservative sammeln, denen die FDP zu abgehoben ist und die AfD zu extrem. "Über alle Parteien von FDP bis CSU gibt es Konservative, sogar in der SPD", sagt Petry.

Politik auf Zeit

An einem Abend im Frühsommer hat die Blaue Wende zu einem Bürgerforum ins nordrhein-westfälische Iserlohn geladen. Im verspiegelten Saal von Michaels Tanztreff sitzen 70 Menschen an langen Tischen – bürgerliches Publikum, darunter Lehrerinnen, ein Hochschuldozent, Studenten, Rentnerinnen. Petrys Polizeischutz hat das Lokal vorab durchsucht, Zivilpolizisten sichern ihre öffentlichen Auftritte, seit 2016 ihr Auto brannte. Die Vorhänge sind zugezogen, bläuliches Kunstlicht erhellt den Raum.

Das Publikum bürgerlich, Lehrer, ein Hochschuldozent, Studenten, Rentner, einige Frauen © Tilman Steffen für ZEIT ONLINE

Petry kommt mit ihrem Kind im eigenen Großraum-Ford direkt aus Berlin. Sie übergibt den inzwischen einjährigen Sohn einer Vertrauten und eilt in den Saal. Das Mikrofon in der Hand, referiert sie über Bildungspolitik – es geht um Lehrermangel, um Leistungsbereitschaft, die "häufig als zu negativ empfunden wird". Petry plädiert für Handschrift statt Handy in der Schule und im Lehrplan für Goethe statt Gender. Nach 40 Minuten leitet sie zur Diskussion über.

Sie muss erklären, warum sie neben der Blauen Wende auch noch die Blaue Partei gegründet hat. Diese Partei soll nach Petrys Vorstellung nur wenige Mitglieder haben und lediglich ein Unterbau für die Bürgerbewegung sein. Nötig ist das, weil in Deutschland jenseits von Kommunalwahlen nur Parteien Kandidaten für Wahlen nominieren dürfen. 

Im Publikum in Iserlohn herrscht Skepsis: Kann das funktionieren, noch eine neue Partei? Die eigentliche Politik sollen die Menschen in der Bewegung machen, sagt Petry. Das erinnert manchen im Saal an Petrys Vorgänger Lucke, dem genau das nicht glückte. Warum sollte diese Frau es besser hinkriegen?

Menschen sollten sich nicht langfristig durch ein Parteibuch binden müssen und ihre Abende in Ortsverbandssitzungen verbringen, referiert Petry. Nicht Parteiprogramm und Mitgliedsbeiträge sollten das Bindemittel zwischen Menschen sein, sondern gegenseitiges Vertrauen und die Sicherheit, aus der Politik auf Zeit auch schnell wieder aussteigen zu können. "Denn der eigentliche demokratische Prozess ist ja die Wahl", wirbt Petry in Michaels Tanztreff für ihre Idee.