Wenn man sich dieser Tage in der Union umhört, mit Politikern und Strategen spricht, werden die Spuren sichtbar, die der Asylstreit der letzten Wochen hinterlassen hat. "Nichts ist in Butter", sagt ein erfahrener Unionspolitiker. "Leicht zu kitten wird das nicht", glaubt ein anderer aus der CDU. Man könne nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Fast ein Monat Zoff, bei dem letztlich die gesamte Regierung zur Disposition stand, das geht nicht einfach vorbei.

Der Kompromiss, auf den sich die Spitzen von CDU und CSU geeinigt haben, sei vielleicht einer in der Sache. Aber weil es in dem Streit um viel mehr ging, bleiben die emotionalen Wunden. Werden die beiden Parteien die Kraft aufbringen, diese zu heilen?

Je nachdem, mit wem man in den Parteizentralen oder in der Fraktion spricht, werden gleich mehrere größere und kleinere Bruchlinien gewissermaßen als Nebenprodukte des Asylstreits sichtbar. Manches gehört zum gepflegten Polittamtam, andere Streite gehen ans Eingemachte.

Merkel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen

Alles beginnt mit dem Zoff zwischen den Parteichefs, Angela Merkel und Horst Seehofer. Die Kanzlerin und ihr Innenminister, sie hatten nie ein einfaches Verhältnis. Zeithistoriker erinnern an die Tage, als Seehofer 2004 als Fraktionsvize im Streit mit Merkel zurückgetreten ist – weil sie damals schon als CDU-Vorsitzende eine Gesundheitspauschale wollte und er nicht. Eine Bagatelle rückblickend betrachtet, zumal die Union in der Opposition war. Seehofer wollte nicht als Umfaller gelten. 

Trotz dieser ersten Auseinandersetzung machte Merkel den Bayern nach ihrem Wahlsieg 2005 zum Landwirtschaftsminister. Persönlich wurde es erst mit der Flüchtlingspolitik. Unvergessen ist der CSU-Parteitag 2015 in München, als Seehofer die Kanzlerin auf der Bühne demütigte. Er drohte, motzte, klagte, wollte die Bundesregierung verklagen. Er könne mit dieser Frau einfach nicht zusammenarbeiten, soll er laut einem Zeitungsbericht vor wenigen Wochen mal über die Kanzlerin gesagt haben. Und am Montag, kurz bevor die Parteispitzen zum finalen Krisentreffen im Konrad-Adenauer-Haus eintreffen, veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung ein Seehofer-Zitat: "Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist", sagte er. 

Was trieb Seehofer zur Eskalation?

Eine Ungeheuerlichkeit eigentlich und ein Zeichen dafür, dass zumindest für Seehofer nicht mehr nur die Sache im Mittelpunkt stand. Dass der Streit zwischen beiden nicht schon vor Jahren unwiederbringlich aus den Fugen geraten ist, hängt wohl an Merkels stoischer Ruhe. Sie erträgt das Temperament und jede neue Wendung Seehofers scheinbar ungerührt.

Es hat durchaus auch mit Inhalten zu tun, dass der Asylstreit so eskaliert ist. Für Merkel ist die Frage der offenen Grenzen der Kern ihrer Europa- und Flüchtlingspolitik. Bei solchen Überzeugungen könne sie unnachgiebig sein, sagt einer, der die Kanzlerin gut kennt.

Dass Seehofer den Streit mit der Schwesterpartei diesmal so überzogen hat, habe aber andere Gründe, glaubt ein CDU-Stratege. Emotional benebelt sei die CSU, auch durch die schwierige Lage vor der Landtagswahl. Und Seehofer selbst kann es darauf ankommen lassen. Er hat erst einmal nicht viel zu verlieren. Innen- und Heimatminister wird sein letztes politisches Spitzenamt. Als Parteichef lässt er sich im Herbst 2019 nicht zur Wiederwahl stellen. Seine Nachfolge, verlautete es stets aus der CSU, solle schon in wenigen Monaten bis zur Europawahl im kommenden Frühjahr stehen.

Horst Seehofer - »Bundeshaushalt gewährleistet Sicherheit für Deutschland« Innenminister Horst Seehofer benennt die nächsten Schritte in der Asylpolitik: Dazu zählen ein neues Grenzregime an der deutsch-österreichischen Grenze und Transitzentren. © Foto: picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Auf der anderen Seite muss Seehofer immer noch seinen Abstieg verarbeiten – nichts anderes ist der Umzug aus der Münchner Staatskanzlei ins Innenministerium. Er musste miterleben, wie er daheim von seiner Landtagsfraktion vor die Tür gesetzt wurde zugunsten von Markus Söder. Der alte Widersacher bekleidet jetzt das "schönste Amt der Welt nach dem Papst" (Seehofer). Nun sorge sich der CSU-Chef um seinen Platz in den Geschichtsbüchern, munkelt man in der Partei. Würde in seiner letzten Amtszeit als Parteichef die CSU bei der Landtagswahl implodieren, wäre das auch für ihn persönlich eine Niederlage. Seehofer hat kein Bundestagsmandat. Ohne Partei- und Ministeramt wäre er endgültig Politrentner – mit 69 Jahren, am Mittwoch war sein Geburtstag. Schwer vorzustellen, dass ihn das kalt ließe. Auch wenn er in der Vergangenheit immer wieder mit einem Ausstieg aus der Politik geliebäugelt hat.

Was zu Streitpunkt zwei führt: Die CSU tritt nach außen gerne als geschlossene Einheit auf. Das stimmt so nicht. Da wären einmal die Altvorderen. Der CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel, Bayerns Ex-Kultusminister Hans Maier und der ehemalige Landtagspräsident Alois Glück haben die Eskalation der vergangenen Wochen kritisiert.