Wie die Berserker pflügen sie derzeit durchs Land. Die Eskalation begann ja nicht erst mit Seehofers Einzug ins Innenministerium. Seit dem September 2017 vollzieht die CSU einen Bruch, der eigentlich schon zwei Jahre zuvor begann. Aber 2015 und 2016 machte die CSU dann doch immer wieder einen Rückzieher, ließ ihren starken Worten zur Flüchtlingspolitik kaum Taten folgen. Etwa als Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze trotz Drohungen mit einer Verfassungsklage nicht nachkommen wollte. Der Grund für die Vorsicht der CSU damals: CDU und SPD hätten auch ohne die Stimmen aus Bayern eine komfortable Mehrheit im Bundestag gehabt. Das aber ist seit der Wahl im Herbst 2017 beziehungsweise seit der Regierungsbildung in diesem Frühjahr anders – die CSU kann die Regierung platzen lassen. Berauscht von so viel Macht, macht sie sich seitdem nicht nur daran, Merkels Flüchtlingspolitik zurückzudrehen – das hat die Kanzlerin in dem ihr eigenen Pragmatismus längst selbst getan. Die Bayern wollten den Spätsommer 2015 ausradieren.

Um Inhalte geht's längst nicht mehr

Nein, nur im Kampf um Inhalte ist der Unionsstreit nicht mehr zu erklären. Da wären sich CDU und CSU sogar weitgehend einig, das haben sowohl Merkel als auch Seehofer immer wieder betont: Beide wollen weniger Flüchtlinge an Europas Grenzen und weniger Sekundärmigration innerhalb EU. Man könne mit der CDU 62,5 von 63 Punkten aus dem Masterplan durchsetzen, sagte selbst Dobrindt vor einigen Tagen. Wer bereit ist, über einen so geringen Dissens eine Regierung zu sprengen, muss sich fragen lassen, ob er auf der Regierungsbank gut aufgehoben ist.

Wie soll man nach einer so mutwillig herbeigeführten Regierungskrise noch zusammen weiterregieren? Wenn Seehofer zurücktreten sollte, wäre das zumindest ein Aufschub für den Koalitionsbruch. Die Regierung wäre damit, anders als bei einem Rauswurf Seehofers durch Merkel, nicht automatisch am Ende. Aber wer immer Seehofers Ämter übernehmen würde, Dobrindt oder Söder als Parteichef und Joachim Herrmann als Innenminister, wird in wenigen Wochen vor denselben Problemen stehen. Wenn Koalitionen mit Vertrauen beginnen, dann ist diese am Ende. Egal, ob sie sich noch über die nächsten Jahre rettet. Für die Union, die jahrzehntelange erfolgreiche Gemeinschaft aus CDU und CSU, gilt Ähnliches.

Die Schwesterpartei CDU sollte anfangen, all diese Krisensymptome auch auf sich zu beziehen. Erst scheiterte Jamaika, weil ausgerechnet der vermeintlich natürliche Partner, die FDP, ausstieg. Die SPD schleppte sich mit letzter Kraft in die Koalition – unter Verschleiß ihres Parteichefs und dem Verlust von viel Glaubwürdigkeit. Jetzt ist die Union in der Krise: Die CDU ist kein Koalitionsmagnet mehr. Die politische Mitte, die über Kompromiss, Mäßigung und Interessenausgleich zu ihrem Recht kommt, verliert ihre Kraft.