Da ist es also, das Papierbündel, das fast die Regierung zum Einsturz gebracht hätte. Und da sitzt auch der Mann, der für die seit Jahren schwerste politische Krise im Land verantwortlich war. Er rückt sich das Jackett zurecht, lächelt sein schiefes Lächeln, wie immer. Horst Seehofer sitzt vor mehreren Dutzend Journalistinnen und Journalisten in einem Konferenzraum seines Bundesinnenministeriums in Berlin und stellt seinen sogenannten Masterplan Migration vor, mit etwa einem Monat Verspätung: 63 Punkte auf 23 Seiten.

Wenige Wochen ist es her, da schien alles möglich: ein Rücktritt des Bundesinnenministers, ein Koalitionsbruch, das Ende der Union aus CDU und CSU, europaweite Spannungen. Dann der Kompromiss, erst mit der Schwesterpartei, dann mit dem Koalitionspartner von den Sozialdemokraten. Die Krise schien gelöst, Seehofer erklärte sie für beendet. Nur ignoriert der Masterplan plötzlich die Einigung mit der SPD: In Punkt 27 ist weiterhin von Transitzentren die Rede. 

Transitzentrum – das ist eine Formulierung, die im Koalitionsausschuss von den Sozialdemokraten rausgestrichen wurde. Seehofer hat einfach den Sachstand zwischen CDU und CSU fixiert, also einen Tag vor der Einigung mit der SPD. Das Datum auf dem Titelblatt: 04.07.2018. Sein Geburtstag, wie er betont.

Alles nicht schlimm, beteuert Seehofer auf mehrfache Nachfrage. Das sei schließlich kein Koalitionspapier sondern eines des Innenministers. Man könne einen Masterplan ja nicht ständig fortschreiben. Und schließlich blieben ja in dem gesamten Plan noch ein ganzes Dutzend weiterer Punkte, von denen er nicht damit rechnet, dass sie sofort die Zustimmung der SPD bekämen. "Das wäre zumindest eine Welturaufführung", grinst er. Ihm kommt es da auf einen offenen Punkt mehr oder weniger wohl nicht an.

Migration - Seehofer nimmt die Koalitionseinigung nicht in den Masterplan auf Innenminister Horst Seehofer hat den Masterplan Migration vorgestellt. Weiterhin enthalten sind Passagen und Begriffe, die bei der SPD umstritten sind. © Foto: Axel Schmidt/AFP/Getty Images

69 Afghanen zum 69. Geburtstag

Seehofer, der Zocker, Meister der kleinen politischen Seitenstiche. Auch ansonsten scheint der Koalitionskrach der letzten Wochen fast spurlos an ihm vorbeigegangen zu sein. "Ich weiß nicht, was noch länger dauert: die Umsetzung des Masterplans oder meine Amtszeit", scherzt Seehofer. Das ist schon eine Menge Selbstironie für einen Minister, der kurz davor stand, rausgeschmissen zu werden, beziehungsweise für ein paar Stunden so gut wie zurückgetreten war.

Und weiter geht's im selben Ton: An seinem 69. Geburtstag, so wollte es das Schicksal, sei es gelungen, 69 Afghanen abzuschieben. Bemerkenswert, findet Seehofer, sonst sitzen ja meist nur ein Dutzend im Flieger.

Als Journalisten ihn auf die Folgen seiner eskalierten Flüchtlingspolitik hinweisen – dass sich etwa der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) öffentlich von ihm abwandte – tut das seiner Heiterkeit keinen Abbruch. "Muss ich den Blüm doch mal wieder anrufen", sagt Seehofer. "Solche Dinge muss man schon auch mit Gelassenheit und Distanz sehen." Blüm war immerhin der Mann, der Seehofer als Staatssekretär seinen ersten Kabinettsposten verschafft hatte.