Es ist Urlaubszeit. Auch viele Bundespolitiker gönnen sich in diesen Tagen ein wenig Muße. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt twittert über den Abendhimmel auf Hiddensee, der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs verschickt Selfies vor Strandkörben auf Wangerooge. Von SPD-Chefin Andrea Nahles hat man länger schon nichts mehr gehört.

Selbst Kanzlerin Angela Merkel verabschiedet sich an diesem Freitag mit ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz in eine dreiwöchige Zeit ohne offizielle Termine. Obwohl ihr Sprecher das Wort "Urlaub" weit von sich weist: "Die Kanzlerin ist immer im Dienst." 

Merkel verbrachte ihre Sommer zuletzt oft in Südtirol oder in ihrem Ferienhaus in der Uckermark, in dem sie dem Vernehmen nach gerne Pflaumenkuchen backt. Wohin sie dieses Jahr fährt, hat sie bisher nicht verraten. Vielleicht will sie vermeiden, dass es ihr so ergeht wie einst Kurt Beck: "Ich weiß noch, als ich einmal morgens in Andalusien aufwachte und auf den Balkon ging, hing in der Palme gegenüber ein Reporter von der Bild-Zeitung", erzählte der ehemalige SPD-Chef einmal: "Das kann man nicht Urlaub nennen."

Deutschlands Spitzenpolitiker haben sich ein wenig freie Zeit redlich verdient: Der Wahlkampf im vergangenen Sommer, die gescheiterten Jamaika-Verhandlungen im Herbst. Der lange Weg zur großen Koalition zu Beginn des neuen Jahres, dann eine neue, heftige Regierungskrise Anfang Juli. Unsere demokratischen Vertreter sind ausgelaugt. Merkels tiefe Augenringe waren nach dem Koalitionskrisenmarathon kaum noch zu überschminken. Als der frühere SPD-Chef Martin Schulz zu Beginn des Jahres sein Amt verlor, musste er erst mal zwei Wochen lang eine Grippe auskurieren.

Politik ist immer ein brutaler Job gewesen. Doch die Zeiten sind komplizierter als noch vor ein paar Jahren: Grundsätze wie die europäische Einigung und der Zusammenhalt der Nato-Staaten stehen infrage. Einfache Lösungen gibt es nicht mehr. Der Ton ist rau geworden. Dass sich Politiker irgendwann auch mal erholen, mal Kraft sammeln, ist daher auch für das Land gut. Wer will schon von fahrigen, erschöpften und deswegen gereizten Menschen regiert werden?

Auch den Umfragewerten der CSU könnte ein bisschen Urlaub guttun

Oft helfen ein paar Tage, hilft räumlicher Abstand außerdem dabei, zu unterscheiden, welcher Konflikt den Kampf wert ist – und welcher nicht. In ihrer freien Zeit könnte Angela Merkel zum Beispiel mal überlegen, wie sie mit ihrer schwindenden Macht umgehen und dem Misstrauen mancher Bürger in sie besser begegnen kann. Mit Blick auf das Meer könnten SPD-Spitzenleute darüber sinnieren, wofür die deutsche Sozialdemokratie sich in Zukunft besonders engagieren möchte. Wofür sie also bereit ist zu kämpfen, auch wenn der Preis dafür das Scheitern der Regierung wäre. Womöglich fragt sich FDP-Chef Christian Lindner in einem ruhigen Moment, was Liberalismus in Zeiten, in denen autoritäre Ideen wieder gefragt sind, außer Rechthaberei eigentlich bedeutet.

Auch der CSU täten ein paar ruhige Tage gut. Sie hätte Zeit, mal darüber nachdenken, ob sie in der Flüchtlingsfrage nicht vielleicht Hysterie und die Kräfte von ganz rechts heraufbeschwört, statt nüchtern Probleme zu lösen. Und darüber, ob es wirklich eine gute Idee ist, den Kommunikationsstil von Donald Trump zu kopieren, oder ob die Zeiten nicht langsam zu ernst dafür sind. Horst Seehofer könnte die Zeit nutzen, um sich zu fragen, wem es noch nützt, dass er Innenminister ist und dabei sichtlich unglücklich.

Das Problem ist nur: Die CSU macht in diesem Jahr keine Pause. Im Oktober ist Landtagswahl in Bayern, da gilt es durchzuarbeiten – bei den Wählern weiter im Gespräch zu bleiben. Ministerpräsident Markus Söder ist auf großer Bayern-Tour.

Seehofer ist sogar ein bisschen stolz darauf, angeblich ohne Urlaub auszukommen. Dreimal ausschlafen im August reiche ihm zur Erholung, sagte er vor einem Jahr. Das werde er auch 2018 so halten. Dass er seine Akten auch manchmal vor schöner Kulisse – seiner Datsche im Altmühltal – studiert, zählt dabei nicht als Erholung: Er will laut seinem Sprecher gleichzeitig auch ein paar Wahlkampftermine machen. Mehrere Wochen am Stück brauche er nicht, um sich zu erholen, wird über Seehofer kolportiert.

Man möchte ihm zurufen: Nicht gut! Legen Sie doch mal die Füße hoch. Machen Sie eine Pause! Auch den Umfragewerten der CSU könnte ein bisschen Urlaub guttun. Zuletzt sind sie gemeinsam mit der allgemeinen Laune gesunken. Die Bayern versauen zudem auch den anderen die Erholung: Manch ein SPD-Spitzenpolitiker freut sich schon darauf, im Urlaub nur alle drei Stunden aufs Handy schauen zu müssen. Allzu entspannt kann derzeit wohl leider niemand sein: Wer weiß, was die CSU in der Zwischenzeit schon wieder anstellt.