Seit Monaten quält sich das Landgericht in Halle an der Saale mit dem Fall Adrian U. herum: Der ehemalige "Mister Germany" ist in die wirre Szene der sogenannten Reichsbürger und Selbstverwalter abgedriftet und nun angeklagt wegen versuchten Mordes.

In Reuden, einem Dorf in Sachsen-Anhalt, hatte U. seinen eigenen Zwergstaat ausgerufen, den Staat "Ur". Ein Witz? Das mögen viele in dem Ort gedacht haben, bis eine geplante Zwangsräumung des Hauses seiner Familie im Sommer 2016 eskalierte. Adrian U. soll auf Polizisten geschossen haben. Er wurde bei dem Einsatz selbst schwer verletzt. Den Prozess nutzte er wiederholt zu weitschweifenden Ausführungen und erfreute damit vor allem seine Unterstützer aus der Reichsbürgerszene, die regelmäßig zu den Verhandlungen nach Halle reisen. So skurril der Fall U. erscheinen mag, er hat die Behörden aufgeschreckt. Als wenig später, im Herbst 2016, im bayerischen Georgensgmünd ein Polizeibeamter bei einer geplanten Razzia von einem Reichsbürger erschossen wurde, begann das Bundesamt für Verfassungsschutz, die Reichsbürgerszene in Deutschland genau zu beobachten.

Inzwischen widmet der Verfassungsschutzbericht dieser zersplitterten Bewegung ein eigenes, umfangreiches Kapitel. Die neue Aufmerksamkeit hat einen Grund: Die Entwicklungen in der Szene der Reichsbürger und sogenannten Selbstverwalter alarmieren die Sicherheitsbehörden in Deutschland.

18.000 Reichsbürger, darunter mindestens 900 Rechtsextreme

"Die hohe Waffenaffinität und die große Anzahl an waffenrechtlichen Erlaubnissen stellen ein erhöhtes Gefährdungspotenzial dar", heißt es im Verfassungsschutzbericht 2017, den Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen am Dienstag vorstellen. Die Ideologie der Reichsbürger führe zu einer generellen Abwehrhaltung gegen den Staat, "die sich in schwersten Gewalttaten manifestieren kann", warnt die Behörde. Zahlreiche im vergangenen Jahr bei Reichsbürgern sichergestellte Schusswaffen belegten das "Bedrohungspotenzial". So deutlich wird der Verfassungsschutzbericht sonst kaum.

Reichsbürger und Selbstverwalter lehnen die Bundesrepublik Deutschland als Staat ab. Sie betrachten sich nicht als Bürger dieses Landes – mit den unterschiedlichsten, oftmals kruden Konsequenzen: Einige gründen Fantasiestaaten und stellen sich eigene Ausweispapiere aus, andere wollen keine Steuern zahlen, bedrohen Behördenmitarbeiter oder verstricken sie in endlose, wirre Schriftwechsel. Das alles ist kein neues Phänomen, noch im Frühjahr 2016 allerdings, als ZEIT ONLINE erstmals umfassender zur Reichsbürgerszene recherchierte, waren deren Aktivitäten für die Sicherheitsbehörde einiger Bundesländer noch gar kein Thema.

Seit sie begonnen haben, sich die unübersichtliche Szene genauer anzuschauen, entdecken sie immer mehr Menschen, die sich radikal vom Staat abgewendet haben. Hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz im Jahr 2016 noch 10.000 Reichsbürger gezählt, waren es 2017 schon 18.000 Personen, wie Seehofer am Dienstag sagte. Darunter seien zuletzt 900 Rechtsextreme gewesen, heißt es im Verfassungsschutzbericht – etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr. Damit stuft der Verfassungsschutz weiterhin nur einen kleinen Teil der Reichsbürgerszene als eindeutig rechtsextrem ein. Reichsbürger seien aber generell als staatsfeindlich und extremistisch zu betrachten, heißt es in dem aktuellen Bericht.

Das Amt hat im vergangenen Jahr erstmals die Straftaten von Reichsbürgern oder Selbstverwaltern statistisch erhoben: Demnach wurden etwa 900 politisch motivierte Delikte aus dieser Szene begangen, darunter 130 Gewalttaten.

Gewalt wird gefeiert

Die rasant gewachsene Zahl von Reichsbürgern lässt sich laut Verfassungsschutz nur zum Teil mit der nun genaueren Beobachtung dieses Spektrums erklären. Sie beruhe auch "auf einem verbreiterten ideologischen Angebot der Szene selbst", schreibt die Behörde. Besorgniserregend sei, dass schwere Gewalttaten von Reichsbürgern, wie etwa der tödliche Schuss auf einen Polizisten in Georgensgmünd, in der Szene als Erfolge gegen den Staat gefeiert worden seien. In Georgensgmünd hatte der Reichsbürger Wolfgang P. im Oktober 2016 einen Beamten erschossen, als die Polizei in seinem Haus einen Durchsuchungsbeschluss vollstrecken wollte.

Als besondere Risikogruppe gelten seither die bewaffneten Reichsbürger und Selbstverwalter. Im Jahr 2017 besaßen laut Verfassungsschutzbericht 1.100 Personen aus der Reichsbürgerszene eine Waffenerlaubnis. Doch selbst wenn ihnen diese Waffenerlaubnisse entzogen würden, sei die Gefahr noch nicht unbedingt gebannt, schreibt das Bundesamt für Verfassungsschutz: "Aufgrund der hohen Bedeutung, die Szeneangehörige ihrer Bewaffnung beimessen, ist nach dem Entzug waffenrechtlicher Erlaubnisse vermehrt mit illegalem Waffenbesitz zu rechnen."

Zahlreiche Reichsbürger haben ihre Ideologie inzwischen auch zum Geschäft gemacht: Sie bieten laut Verfassungsschutz Schulungsveranstaltungen an oder verdienen Geld mit Rechtsberatungen zum "Reichsrecht". Andere verkaufen Fantasieausweise oder Reichsbürgerdevotionalien.