#aufstehen - Sahra Wagenknecht stellt linke Sammlungsbewegung vor Die linke Sammlungsbewegung von Sahra Wagenknecht ist im Internet gestartet. Mit #aufstehen will die Linken-Fraktionschefin Leute erreichen, die sich eine Erneuerung des Sozialstaats wünschen. © Foto: Christophe Gateau/dpa

Wo am Vortag noch der Hinweis auf eine Internetpräsenz im Aufbau prangte, ist am Morgen des 4. August eine weißgrundige Seite zu sehen. Im linken oberen Eck ist in roten Lettern #aufstehen – Die Sammlungsbewegung zu lesen. Im a von #aufstehen steht ein weißes Männchen mit ausgebreiteten Armen. Auf der Mitte der Seite kann man "Play" klicken und bekommt den Protestsong The Times They Are A Changing von Bob Dylan zu hören – eine Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre. Zeitgleich ist der Text – ins Deutsche übersetzt – auf der Homepage zu lesen. Eine Uhr zählt den Countdown bis zum Launch der Seite herunter. 

#aufstehen, das ist eine Idee der Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und ihres Mannes Oskar Lafontaine. Im Januar machte Wagenknecht die Sammlungsidee öffentlich und sprach immer wieder in Interviews darüber. Das Projekt, das am 4. September starten soll, habe immer mehr Zuspruch bekommen, sagte die Politikerin in einem Interview mit dem Spiegel. Deshalb kann man sich unter www.aufstehen.de nun schon mal online registrieren.

Um 14 Uhr bekommt die Website ein neues Gesicht – oder besser gesagt viele Gesichter. Es werden Porträtbilder gezeigt von Menschen wie der Disponentin Daniela, die mit den Worten "Wir sollten nicht von Krisen und Kriegen der Welt profitieren" zitiert wird. Oder Student Max, der bezahlbaren Wohnraum fordert. Auch Videos können abgespielt werden, in denen Bürgerinnen und Bürger ihre Politikverdrossenheit ausdrücken, sagen, was sie sozial besonders bewegt und welche Änderung sie sich wünschen.

Über dieser Bildcollage steht nun der Button zur Registrierung. Auch auf die #aufstehen-Social-Media-Kanäle Facebook, Twitter und Instagram kann man direkt klicken. Seit dem Morgen haben bereits fast 7.000 Menschen die Facebook-Seite von #aufstehen abonniert, den Instagram-Account 1.100 und dem Twitter-Account folgen bislang mehr als 2.000 Nutzerinnen und Nutzer.

Ziel: Mehrheit für linke Politik schaffen

Ihre Bewegung definiert Wagenknecht als Angebot für diejenigen, die mit der Politik unzufrieden sind und sich eine Erneuerung des Sozialstaats wünschen. Für alle, die aufstehen wollten für ein gerechtes und friedliches Land. "Niemand muss seine Organisation verlassen, um bei uns mitzumachen, vor allem aber wollen wir diejenigen zum Engagement ermutigen, die sich in keiner Partei mehr zu Hause fühlen", sagte Wagenknecht dem Spiegel. Neben Anhängern ihrer eigenen Partei will sie auch Mitglieder von SPD und Grünen sowie Parteilose ansprechen. Ziel sei es auf lange Sicht, andere politische Mehrheiten und eine neue Regierung mit einer sozialeren Agenda zu begünstigen. "Die Veränderung der Parteien beginnt mit gesellschaftlichem Druck."

Mit welchen Inhalten sie das erreichen will, sagte sie bislang nicht konkret. Nur, dass es um soziale Themen gehen solle. #aufstehen verstehe sich als außerparlamentarische Bewegung, die neue Themen und Positionen in die öffentliche Debatte bringen solle, definierten ganz allgemein der SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow, die Linken-Abgeordnete Sevim Dağdelen und die Grünen-Politikerin Antje Vollmer. Sie sind derzeit die prominentesten Unterstützerinnen und Unterstützer der Bewegung.

Die Linke ist nicht restlos begeistert von dem Projekt

Wagenknecht selbst spricht laut Spiegel von einer Querfront aus Kritikern, die sich bereits formiert habe. Als einer der ersten hatte der Sozialdemokrat Rudolf Dreßler seine Sympathie für das Projekt bekundet. Es gibt in der SPD aber auch scharfe Kritiker: SPD-Vize Ralf Stegner schrieb auf Twitter, in einem Europa, das konsequent nach rechts drifte, brauche es dringend progressive Alternativen. "Aber das geht doch nicht über eine PR-Initiative mit notorischen Separatisten an der Spitze, die übrigens bei europäischen oder integrationspolitischen Themen keineswegs progressive oder gar linke Positionen vertreten."

Nach Informationen der Welt sollen in die Vorbereitung auch bekannte Historiker und Politikwissenschaftler, wie etwa Wolfgang Streeck, involviert sein, auch die Namen von Schriftsteller Ingo Schulze und dem Liedermacher Konstantin Wecker nennt das Blatt.

Innerhalb der Linken hatte die Initiative Befürchtungen geweckt, die Fraktionsvorsitzende könnte die Partei spalten oder gar überflüssig machen. Die Basis kritisierte, nicht in das Projekt einbezogen zu werden. Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch, der als gemäßigt gilt, zeigte sich nun ein wenig versöhnlich. "Ich freue mich über jeden, der aufsteht für Gerechtigkeit und Solidarität, gegen den Rechtsruck in unserem Land", sagte er der Welt. Es sei gut, wenn Menschen jenseits vorhandener Parteistrukturen für linke Politik gewonnen würden.

Umstrittene Ansichten in der Migrationspolitik

Seit Monaten sorgt innerhalb der Linken eine unterschiedliche Sichtweise auf die Migrationspolitik für großen Dissens – Wagenknecht ist der Meinung, dass nicht alle Flüchtlinge kommen können. Sie ist gegen Einwandererinnen und Einwanderer, die aus Armut ins Land kommen. Dies würde den Niedriglohnsektor negativ beeinflussen. Die Parteivorsitzenden der Linken, Katja Kipping und Bernd Riexinger, wollen allerdings den Kurs der Solidarität mit Migranten bewahren. Sie sind, ebenso wie der ehemalige Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi, gegen das außerparlamentarische Bündnis.