Rechtsradikale Proteste - Was in Chemnitz geschah Ein 35-Jähriger ist am Rande eines Stadtfests getötet worden; die mutmaßlichen Täter sind Migranten. Videoaufnahmen zeigen, was danach geschah. © Foto: Andreas Seidel / DPA

Tumultszenen in der Innenstadt von Chemnitz: Hunderte Rechte sind am Sonntagnachmittag durch die Straßen der sächsischen Großstadt gezogen und haben Menschen angegriffen, von denen sie offenbar annahmen, dass diese keine Deutschen seien. Zu Beginn war der rechtsextreme Mob der Polizei überlegen.

Den Ereignissen ging eine Messerstecherei in der Nacht zu Sonntag voraus, bei der ein 35-Jähriger zu Tode gekommen war. Auf rechten Facebook-Seiten war im Anschluss berichtet worden, die Messerstecher seien "Südländer", das Opfer angeblich ein Russlanddeutscher. Die Polizei bestätigte die Herkunft der Beteiligten nicht. In einer Mitteilung, die die Polizei Sachsen über Twitter publik machte, schrieb sie lediglich, dass es zu "einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten gekommen" sei.

Kaotic Chemnitz, eine Ultra-Gruppe des Chemnitzer FC, rief dennoch auf Facebook zu einem Spontanaufmarsch beim Chemnitzer Stadtfest auf. Das Motto: "Zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat". Der Aufruf wurde bis zum Nachmittag mehrere Hundert Male geteilt.

Teilnehmer pöbelten "Ausländer raus"

Um 16.30 Uhr versammelten sich laut Polizei "geschätzte 800 Personen" am Karl-Marx-Monument in der Kernstadt. Kurz darauf zog die Gruppe los, obwohl die Polizei einer weiteren Mitteilung zufolge noch versuchte, "mit vermeintlich verantwortlichen Personen der Gruppe ein Gespräch (zu) führen". Die Personengruppe habe nicht auf die Ansprache durch die Polizei reagiert und zeigte keine Kooperationsbereitschaft, hieß es in der Mitteilung weiter.

Polizeistaffeln konnten zunächst nur neben dem Aufmarsch herlaufen. Wenig später versuchten die Beamten, den Mob aufzuhalten – doch die Rechtsextremen durchbrachen eine Polizeikette in der Fußgängerzone.

Es kam zu Schubsereien, die Beamten gaben nach. Der Marsch zog unkontrolliert durch die Innenstadt, schien zwischenzeitlich sogar auf noch mehr Teilnehmer anzuwachsen. Unter ihnen waren viele Jugendliche sowie Familien mit Kindern. Auch eine Polizeikette an der Chemnitzer Zentralhaltestelle wurde sofort überrannt. "Im Verlauf dieser dynamischen Phase war es auch zu Flaschenwürfen in Richtung der Polizeibeamten gekommen", schrieb die Polizei in ihrer Mitteilung.

Die Rechten pöbelten gegen Menschen am Straßenrand, von denen sie offenbar annahmen, dass sie keine Deutschen seien. Aus der Menge waren Parolen wie "Ausländer raus", "Wir sind das Volk" und "Das ist unsere Stadt" zu hören. Auf dem nahe gelegenen Johannisplatz folgte den Sprüchen dann Gewalt. Teilnehmer des rechten Aufmarsches traten auf mehrere Personen ein. Der Polizei gelang es, einige Angreifer auf dem Boden zu fixieren. Währenddessen liefen andere Protestierende auf einem gegenüberliegenden Parkplatz weiteren Menschen hinterher.

In einer aktualisierten Mitteilung, die die Polizei Sachsen ebenfalls über Twitter verbreitete, schrieb sie: "Derzeit bearbeitet die Polizei vier Anzeigen im Sachzusammenhang. Hierbei handelt es sich um zwei Anzeigen wegen Körperverletzung, eine Anzeige wegen Bedrohung sowie eine Anzeige wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte."

Weiterer Aufmarsch angekündigt

Nach einer knappen Stunde machten sich die Teilnehmer auf den Weg zurück zum Karl-Marx-Monument. Erst zu diesem Zeitpunkt wuchs die Zahl der Polizisten an, mehr Beamte mussten angefordert werden. Wenig später machte der Marsch Halt am Tatort der Messerstecherei, wo immer noch das Blut aus der Vornacht auf dem Boden klebte. Dort lösten sich etwa 30 Rechte von der Versammlung und rannten in den nahe gelegenen Stadthallenpark, wo sie eine Gruppe von Menschen mit Flaschen bewarfen.

Als sich der Mob in Bewegung setzte, war das Stadtfest längst beendet. Dafür hatte Veranstalter Sören Uhle zunächst Pietätsgründe wegen der Messerstecherei angegeben. Später gab er bekannt, dass das Fest in Absprache mit der Polizei aufgrund von Sicherheitsbedenken abgebrochen worden war.

"Wenn ich sehe, was sich in den Stunden am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt", sagte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) dem MDR. "Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen – das ist schlimm."

In Neonazikreisen wird der Aufmarsch als Erfolg gefeiert. Einige taten das direkt nach dem Marsch, andere später in sozialen Netzwerken. Unterdessen kursiert für Montag bereits ein weiterer Aufruf. Neonazis wollen am Abend wieder aufmarschieren.