Frank Stauss (53) und Mathias Richel (37) sind Kommunikationsberater. Sie werden den Wahlkampf der SPD zur Europawahl 2019 managen. In diesem Gastbeitrag beschreiben sie, wie die linke Sammlungsbewegung auf sie wirkt und warum sie nicht unbedingt besser ist als die etablierten Parteistrukturen.

"Hast Du einen Opa, schick ihn nach Europa", lautete der Spruch über die Praxis der Parteien in den Achtziger- und Neunzigerjahren, ihre wohlverdienten Würdeträger ins Europaparlament zu entsenden. Das ist nun schon lange her. "Ist es zu anstrengend in der Partei, gründe eine Bewegung oder zwei" könnte der Spruch zur Situation heute lauten.

Denn natürlich ist es wesentlich befriedigender, eben mal schnell online eine Bewegung zu gründen, als in einer Partei an der Willensbildung mitzuwirken. Denn Parteien müssen sich nicht nur um ein Anliegen kümmern, sondern um viele. Das ist sehr anstrengend.

Möchte man etwa ein sofortiges Dieselverbot– wofür es gesundheitlich gute Gründe gibt – muss sich eine Bewegung keine Gedanken machen, wie der Elektriker mit seinem vor fünf Jahren als "umweltfreundlich" erworbenen und steuerlich begünstigten Diesel zu seiner Baustelle kommt. Oder wie eine deutsche Schlüsselindustrie ihre selbst verschuldete Krise überwindet, um Hunderttausende Arbeitsplätze zu retten. Solche Gedanken muss man sich als Partei durchaus machen. Auch wenn einen die vor lauter Testosteron kaum noch laufen könnenden Machos in den Vorstandsetagen besagter Schlüsselindustrie schon längst im Strahl kotzen lassen. Das gehört halt dazu.

Deshalb macht es großen Sinn, genau hinzusehen, was welche Bewegung eigentlich will. Und wer am Ende davon profitiert. Oder wer am Ende weniger dem Anliegen oder der Gesellschaft als Ganzem dienen, sondern doch eher seinen persönlichen Egotrip befriedigen will. Egomanen gibt es natürlich auch in Parteien – der reine Egomane kommt dort aber meistens nicht weit - und vor allem nicht auf Dauer.

Bewegungen in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren gerne von Bewegungen aus dem Ausland inspiriert. Von "La République en Marche" in Frankreich vor allem. Obwohl der Vergleich zu Deutschland mehr als hinkt. Denn "En Marche" war vor allem das Vehikel für einen charismatischen, blendend aussehenden, eloquenten und auch noch ziemlich jungen Präsidentschaftskandidaten, der sich seiner Vorzüge durchaus bewusst war. Und der zu aller Freude einen massiv proeuropäischen Wahlkampf gegen eine verbiesterte und innerlich vom Hass verätzte, Gift und Galle speiende Rassistin führte. So weit, so klar.

Kritische Distanz ist angebracht

Weniger klar und gerne übersehen wird die sonstige sozial- und wirtschaftspolitische Agenda Macrons vor allem von der linken Linken. Und dann gibt es noch die letztendlich gescheiterten Bewegungen – wenn man sie so nennen will – von Bernie Sanders und Jeremy Corbyn, die uns vor allem zwei Dinge beschert haben: Donald Trump und den Brexit. Denn mehr war und ist da am Ende halt nicht, als die Spaltung und Schwächung der progressiven Kräfte gegen den berechnenden und gnadenlosen Populismus der Gegenwart. Aber richtige Bewegungen waren es ja am Ende auch nicht, denn der eine trat klassisch im US-Vorwahlkampf an und der andere ist Labour Chef.

Bliebe noch Jean-Luc Mélenchon, der französische Präsidentschaftskandidat, der sich im Wahlkampf nicht nur für so wunderbar hielt, dass er sich gleich technisch klonte, um an mehreren Orten gleichzeitig sein zu können. Nein, er krönte den Egotrip nach seiner Niederlage im ersten Wahlgang auch noch mit der Weigerung, seine Anhänger zur Wahl Macrons gegen Le Pen aufzurufen – als ob die beiden auch nur annähernd etwas gemeinsam hätten.

Wir sollten also in jedem Fall eine kritische Distanz zu allen halten, die meinen, dass nur sie die wahre Wahrheit verkörpern und deshalb ihre Bewegung, das Land oder auch gleich die ganze Welt nur mit ihnen funktionieren kann. Auf jeden Fall ist das französische Parteiensystem jetzt erfolgreich vernichtet, aber etwas annähernd Stabiles ist weit und breit nicht in Sicht. Nun haben die Parteien in Frankreich tatsächlich massive Mängel aufzuweisen – namentlich die Rekrutierung nahezu der gesamten Führungsspitze aus einer Eliteschule – aber dass es so weit kommen musste, ist nicht selbstverständlich. Wäre die ganze Energie in die Reform geflossen, statt in einzelne Solokarrieren ohne Unterbau, wäre die Lage heute vielleicht eine andere.