In der Bundesrepublik gibt es keine elitäre politische Führung, sondern eine regional wie sozial breit diversifizierte politische Klasse. Denken wir an die Pfarrerstochter aus dem Osten, einen Bundespräsidenten, der - wie der vorherige Bundeskanzler auch - aus sehr ärmlichen Verhältnissen stammt, und auch an sehr viele weitere klassische Aufstiegsbiografien ohne dynastischen Einschlag. Dass die meisten Politiker in der Zwischenzeit ein Hochschulstudium absolviert haben, ist eher repräsentativ für Führungskräfte in einem Land, in dem heute nur noch weniger als 20 Prozent der Berufstätigen zur traditionellen Arbeiterklasse zählen (eine Zahl, die sich in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert hat).

Wir sind der festen Überzeugung, dass das sehr vielfältige deutsche Parteiensystem nicht das schlechteste ist – und es in jedem Fall leichter und besser ist, es zu reformieren als eine zerstörte Parteiendemokratie später wieder neu aufzubauen. Das ist in Zeiten des Individualismus, der schnellen Gratifikation und der Vereinfachung zwar keine ganz leichte Aufgabe. Dafür eine Lohnende.

Für uns stellt sich daher von vorneherein die Frage, ob eine Bewegung gegründet wird, um in unruhigen Zeiten die demokratisch legitimierte gesellschaftliche Ordnung zu stärken, zu vitalisieren und voranzutreiben – oder ob sie gar genau das Gegenteil zum Ziel hat. Ob sie also aus Egomanie oder auch schlicht aus Verzweiflung darüber, mit seinen Vorhaben in der bisherigen Partei keine Mehrheit zu finden, entsteht. Was nun einmal passieren kann in einer Demokratie. Auch ein Leben lang. Denn nur weil man eine Meinung hat, hat man kein Recht darauf, dass diese zur Mehrheitsmeinung wird. Mehrheiten gewinnt man, indem man überzeugt. Aus persönlicher Frustration setzt man jedenfalls keine Demokratie aufs Spiel – was auch durch Zersplitterung, Spaltung und potenzielle Unregierbarkeit erreicht werden kann.

Die schweigsame Mehrheit mobilisieren

Aber es gibt ja auch schöne, andere Beispiele: Die sichtbarste, uneitelste und bisher erfolgreichste neue Bewegung in Deutschland ist die im Nachklang von Brexit und US-Wahlen gegründete Pulse-of-Europe-Bewegung, die einen extrem wichtigen Impuls zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt setzte und weiter setzt.

Denn spätestens von 2015 bis 2017 begann das schleichende Gift der Unsicherheit in Zeiten des Populismus, immer weiter um sich zu greifen. Es war und ist notwendig, die nach wie vor zu schweigsame Mehrheit – die in jeder Umfrage bis zu 80 Prozent Zustimmung zu Europa signalisiert – zu mobilisieren und zu motivieren. Und es ist ein wichtiges Zeichen auch an die Parteien, wieder mutiger für Europa zu kämpfen.

Aber es gibt gerade in der Europafrage nicht den geringsten Grund, noch eine Partei zu gründen und die Landschaft noch weiter zu zersplittern. Ob SPD, Grüne, weite Teile der CDU und auch andere – es gibt dieses politische Angebot bereits. Aber man sollte genau diese Kräfte auch unterstützen – auch die in der CSU, die gegen ihre Führung und für eine positive Haltung gegenüber Europa eintreten. Was Europa mit Sicherheit nicht braucht, sind gesellschaftliche Spalter wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland, die Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht und ihr Mann Oskar Lafontaine oder der rechte Flügel der CDU.

Unterstützenswert sind dagegen alle Parteien, die uneingeschränkt und auch schon über Jahrzehnte (wenn nicht sogar über 150 Jahre) den Gedanken der europäischen Einigung hochhalten. Das wird die nächste große Auseinandersetzung nach den US-Wahlen und dem Brexit-Votum. Am Ende muss ein klares Signal in Deutschland und den anderen Ländern für Europa stehen. Dafür braucht es weiter eine tolle Bewegung wie Pulse of Europe – aber vor allem überzeugte Europäerinnen und Europäer an den Wahlurnen.