Der Geruch von Bratfett hängt am Sonntagnachmittag über dem Berliner Regierungsviertel. Blaue Luftballons mit den zwölf goldenen Europasternen drauf zappeln im Wind, eine Blaskapelle spielt. Wo sich sonst Anzugträger tummeln, warten jetzt Rentner in kurzen Hosen geduldig vor Metalldetektoren an den Türen. Die Bundesregierung hat zum Tag der offenen Tür geladen, alle Ministerien machen mit. Die politische Sommerpause ist damit vorbei, die Spitzen der Bundesregierung melden sich zurück und geben einen ersten Einblick in die Agenda für den Herbst. Themen gibt es genug, viele sind groß, andere größer, die meisten sind dringlich. Hat die Regierung nach all dem Zoff der letzten Monate dafür noch die Kraft?

Wieder angefangen hatte das Regieren schon am Samstagabend, nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Kanzleramt. Mit einem Treffen zwischen Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem Innenminister und CSU-Chef Horst Seehofer. Es ging um die Rente. Eigentlich wollten sich die Koalitionäre auf Grundzüge eines Gesetzes einigen. Daraus wurde nichts, Anfang der Woche will man sich wieder treffen. Zur Stimmung am Koalitionstisch sagt Scholz am Sonntagmittag beim Tag der offenen Tür in der Bundespressekonferenz: Es gab Cordon bleu mit Pommes. Die Profanität des Regierens.

Dann der Auftritt von Horst Seehofer. Der CSU-Chef hatte mit dem Asylstreit einen fiebrigen Sommer eingeläutet, der beinahe der letzte dieser Regierung geworden wäre. Jetzt sitzt er – von Hause aus ist er eigentlich Handballer – auf Höhe der Mittellinie am Rand des Fußballplatzes des Männerturnvereins Ingolstadt, seiner Heimatstadt, und antwortet im ZDF-Sommerinterview auf Fragen.

Rente, Klima, Europa, Demokratie: Bei Merkel geht's ums Ganze

Es geht natürlich auch um Flüchtlinge. "Ich sage nichts anderes, als ich schon vor dem Sommer zur Migration gesagt habe", sagt er. Er lobt seinen eigenen sogenannten Masterplan – "es gibt keine andere Partei, die einen Masterplan hat" –, antwortet auf Kritiker, die seine Politik unchristlich finden – "Das Herz ist weit, aber die Möglichkeiten sind begrenzt" – und resümiert noch einmal den Konflikt mit der Kanzlerin: "Das war ziemlich schwierig."

Außerdem verkündet er, ein Flüchtlingsabkommen mit Italien stehe kurz vor der Unterzeichnung. Italien soll darin zusichern, dass es diejenigen Flüchtlinge aus deutschen Transitzentren zurücknimmt, für die Deutschland nicht zuständig ist. Im Gegenzug, so Seehofer im ZDF, will Deutschland Italien bei der Seenotrettung und Aufnahme von Flüchtlingen unterstützen, "etwa in gleichem Umfang" wie Italien Flüchtlinge zurücknehme. Ähnliche Abkommen gibt es schon mit Griechenland und Spanien – sie sind der Kern des Kompromisses zwischen den Regierungsparteien. Ursprünglich hatte die CSU gedroht, solche Flüchtlinge an der deutschen Grenze zurückzuweisen.

Endlich wieder Einigkeit in der Union – zulasten der SPD

Aber Seehofer redet nun auch über den Berg an unerledigten Themen, die die Regierung liegen lassen musste, weil sie so mit sich selbst beschäftigt war. "Rente, Arbeitslosenversicherung, Mietpreisentwicklung, Fachkräftezuwanderungsgesetz", zählt er auf, bei allen diesen Themen werde die Regierung "Woche für Woche wichtige Entscheidungen treffen". Zum ergebnislosen Treffen vom Vorabend: "Es gab nicht den Hauch eines Streits."

Nur eine kleine Stichelei Richtung Finanzminister: "Die Rentenfinanzen sind stabil auf Jahre hinaus." Scholz hatte angeregt, zusätzlich zur Rentengarantie bis 2025, die im Koalitionsvertrag steht, das Rentenniveau gesetzlich bis 2040 zu sichern. Davon hält Seehofer wenig: "Die SPD soll die Leute jetzt nicht verunsichern."

Die Kanzlerin sieht das genauso, als sie etwa eine Stunde nach Seehofer in der ARD zum Sommerinterview zu Gast ist. Auch sie will das Treffen vom Vorabend nicht als Misserfolg werten. Man sei sich bei der Rente im Kern einig. Scholz’ Vorstoß sieht sie ebenso skeptisch. Endlich ist da wieder einmal Einigkeit in der Union und sei es nur auf Kosten des dritten Regierungspartners: "Ich glaube im Augenblick, jeden Tag etwas anderes mitzuteilen, schärft eher die Verunsicherung, als dass es Sicherheit schafft", sagte Merkel und fügte hinzu: "Bitte keine Unsicherheit schüren, das ist meine Anforderung an die SPD."

Merkel und Seehofer gegen den Spurwechsel von Asylbewerbern

Auch einen sogenannten Spurwechsel im Rahmen eines Einwanderungsgesetzes lehnen die Parteichefs der Union ab; also die Möglichkeit, dass selbst abgelehnte Asylbewerber dann einen Aufenthalt bekommen, wenn sie einen Job haben. Seehofer sagt aber auch: "Wir müssen auf den Einzelfall pragmatisch und flexibel reagieren." Merkel lobt noch, das Einwanderungsgesetz sei "ein Riesenschritt" für die Union, die sich mit dem Thema lange schwergetan habe. "Das zeigt, auch Parteien sind lernfähig."

Dann geht es bei Merkel um die grundsätzlichen Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens. Erst das Klima. Etwa die Debatte um mögliche schärfere EU-Klimaziele: "Wir müssen jetzt erst mal unsere Ziele einhalten, die wir uns vorgenommen haben. Das permanente Setzen neuer Ziele halte ich nicht für sinnvoll", sagt sie.

Mit Blick auf den zu Unrecht abgeschobenen Sami A. sowie das Gebaren der Dresdner Polizei gegenüber Journalisten sagte sie: "Wir müssen uns auch in unserer Sprache sehr daran halten, dass wir die Institutionen auch jede in ihrer Unabhängigkeit achten." Denn, so führt sie aus, "Demokratie ist mehr, als dass irgendjemand eine Mehrheit bekommt, sondern Demokratie ist Minderheitenschutz, Demokratie ist Pressefreiheit, Demokratie ist Demonstrationsmöglichkeiten, Demokratie sind unabhängige Gerichte."

Auf die Frage danach, was sie sich als ihr politisches Vermächtnis wünscht, antwortet sie: "Was mir sehr am Herzen liegt, ist Europa." Dafür bleiben ihr, nach dem holprigen Beginn dieser Legislatur, nun kaum mehr als drei Jahre.