DIE ZEIT: General Zorn, sie sind seit vier Monaten der oberste Soldat der Bundeswehr. Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgänger?

Eberhard Zorn: Prinzipiell glaube ich - und das hat nichts mit meinen Vorgängern zu tun -, dass in der Öffentlichkeit viel zu wenig über die Bundeswehr geredet wird. Was wir tun, was unser Auftrag ist, warum wir bei Auslandseinsätzen dabei sind – und wieso wir nun unsere Fähigkeit zur Landesverteidigung wieder stärken müssen. Ich will, dass die Bundeswehr in den sicherheitspolitischen Debatten stärker wahrgenommen wird als bisher. Ich will mich in den sozialen Medien äußern. Und ich gehe auch dorthin, wo sich keine Experten tummeln, die ohnehin ständig über unsere Themen diskutieren, ob vom Spielfeld oder von der Seitenlinie. Weil ich gern meinen Beitrag dazu leiste, solche Diskussionen stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich suche zum Beispiel auch den Kontakt in die Wirtschaft. In der Öffentlichkeit präsenter zu sein, das erwarte ich auch von meinen nachgeordneten Kommandeuren, und zwar von jedem in seinem Bereich.

DIE ZEIT: Warum sprechen Sie gern mit Wirtschaftsbossen?

Zorn: Weil sie ein Gefühl für sicherheitspolitische Relevanz haben – ihre Unternehmen hängen ja häufig auch vom Weltmarkt ab. Top-Manager verstehen sofort, warum man weltweit Seefahrtswege schützen muss und welche konkrete Gefahr zum Beispiel Cyberattacken bedeuten.

DIE ZEIT: Was machen sie nach innen anders, im Umgang mit Ihren Soldaten?

Zorn: Ich überrasche sie mit unangekündigten Besuchen.

DIE ZEIT: Was soll das bringen? Wenn sie vorne zum Kasernentor hereinfahren, bleibt doch immer noch genug Zeit, um hinten aufzuräumen.

Zorn: Da irren Sie sich. Ich fliege morgens mit dem Hubschrauber irgendwo hin, lande weit abseits der Kaserne, steige ins Auto, fahre in die Kaserne und stoppe dann nicht gleich hinterm Tor. Ich tauche dann plötzlich irgendwo auf. Bei meinem letzten Besuch im Sanitätsbereich. Da war keine Zeit, um noch was aufzuräumen. Und da muss auch keiner aufräumen, ich will ein authentisches und realistisches Bild sehen.

DIE ZEIT: Und was haben die Soldaten gesagt, als plötzlich der Chef vor ihnen stand?

Zorn: Sie fragten mich: "Sind Sie krank"?

DIE ZEIT: Sie wurden also nicht erkannt.

Zorn: Na, die haben schon gesehen, dass da einer mit vier Sternen auf der Schulterklappe vor ihnen steht. Es gibt immer eine Schocksekunde, und ich sage dann: "Guten Tag, ich bin der Generalinspekteur." Das Gute daran ist: Niemand kann einem da etwas vormachen, es gibt keinen Fake.

DIE ZEIT: Wie lautet Ihre erste Bilanz nach mehreren Überraschungsbesuchen?

Zorn: Die Truppe ist richtig gut, die Soldaten sind engagiert. Und ich mache mit meinen Besuchen weiter, klappere die ganze Truppe ab.

DIE ZEIT: Wenn Sie’s in wenigen Worten sagen müssten: Was benötigt die Bundeswehr, um eine funktionierende, gut ausgestattete und allen Anforderungen gerecht werdende Armee zu sein?

Zorn: Vor allem mehr Personal. 2016 haben wir daher die Trendwende Personal eingeleitet. Die Bundeswehr wächst wieder! Rund 21.000 offenen Stellen stehen nun 35.000 Frauen und Männer in der Ausbildung gegenüber. Aber es dauert, bis die Trendwenden in der Truppe richtig spürbar werden. Wir brauchen beispielsweise drei Jahre bis ein Feldwebel basisausgebildet ist, sprich: Von den neu Eingestellten kommt der erste Feldwebel 2019 zur Truppe.

DIE ZEIT: Also wird vom kommenden Jahr an alles besser?

Zorn: Wir haben die Sollstärke der Truppe auf 198.000 Soldaten erhöht. Ich bin guter Dinge, dass wir unsere Lücken Schritt für Schritt schließen.

DIE ZEIT: Und das geht auch ohne eine Wiederbelebung der Wehrpflicht?

Zorn: Ja. Wir wären auch kurzfristig gar nicht in der Lage, die Wehrpflicht wieder einzuführen, absolut nicht. Wir haben beispielsweise die Kreiswehrersatzämter abgeschafft. Und es gibt auch nicht genügend Kasernen, um alle Wehrpflichtigen aufzunehmen. Entscheidend ist aber, dass wir für die heutigen Aufgaben der Bundeswehr – also Auslandseinsätze und Landes- und Bündnisverteidigung – die Wehrpflichtigen der alten Zeit nicht benötigen. Heute brauchen wir auch bei den untersten Rängen, den Mannschaften, hoch ausgebildete Spezialisten mit durchschnittlichen Verpflichtungszeiten von 10 Jahren und mehr.

DIE ZEIT: Und langfristig?

Zorn: Das gilt auch langfristig. Und laut Grundgesetz braucht es eine schwerwiegende sicherheitspolitische Begründung, um ganze Jahrgänge junger Menschen zum Wehrdienst zu verpflichten. Die sehe ich derzeit auch nicht.