Am Dienstag dieser Woche wagt Annalena Baerbock sich in Feindesland vor. Beschwingt betritt die Grünen-Vorsitzende einen Flachbau hinter hohen Drahtzäunen. Baerbock besucht die Raffinerie des Total-Konzerns im sachsen-anhaltinischen Leuna. Rund eine Million Liter Benzin und Diesel wird dort pro Stunde produziert, für grüne Klimaschutzpläne hat man hier naturgemäß wenig übrig.

Der Empfang ist dennoch höflich. Es werden Häppchen gereicht und das Unternehmen versucht, sich von seiner grünsten Seite zu zeigen. Bis 2035 werde der Anteil an erneuerbaren Energien an den Geschäftsaktivitäten von Total auf 20 Prozent steigen, sagt Burkhard Reuss, der Kommunikationsdirektor des Konzerns. Doch so leicht ist Baerbock nicht zu beeindrucken. "20 Prozent?", fragt sie kühl nach. Da werde die Einhaltung der Klimaschutzziele aus dem Pariser Klimaabkommen aber schwierig. Der Direktor der Raffinerie reagiert gereizt. "Fragen Sie mich bloß nicht, was hier alles wegkann, wenn wir gleich übers Gelände fahren", sagt er.

Seit einem halben Jahr haben die Grünen mit Baerbock und Robert Habeck nun ein neues Vorsitzendenduo, und das hat sich vorgenommen, die Grünen aus der Kuschelecke ihrer angestammten Milieus herauszuführen. Das zeigt sich auch bei den Sommerreisen. Habeck und Baerbock gehen gezielt dorthin, wo man Grünen-Politiker nicht unbedingt erwartet. Zur Polizei, zur Bundeswehr oder eben in eine Erdölraffinerie. Das Ganze haben sie unter das Motto "Des Glückes Unterpfand" gestellt, ein Zitat aus der Nationalhymne. Grüne, die auf Patriotismus machen? Auch das ist neu.

Neue Offenheit

Sie mache ihre Reise auch, um herausgefordert zu werden, sagt Baerbock, als sie nach ihrem Termin bei Total im Auto zu einem Treffen mit einem Landarzt unterwegs ist. Sofort bei allen Themen Einigkeit zu erreichen, sei nicht das Ziel der Gespräche. Vielmehr gehe es darum, auch mit den Grünen eher fernstehenden Menschen in einen Dialog darüber einzutreten, wie man anstehende Herausforderungen – egal ob Klimaschutz oder Daseinsvorsorge auf dem Land – gemeinsam anpacken könne. Die Anliegen der von den Veränderungen Betroffenen mitnehmen und zugleich die grüne Haltung erklären, das sei der Sinn der Reise.

Die neue Offenheit, sie zahlt sich für die Grünen aus, im Moment jedenfalls. In aktuellen Umfragen liegen sie bei 15 Prozent, nur noch zwei bis drei Prozentpunkte hinter der SPD. Das von Habeck vor einiger Zeit ausgegebene Ziel, die SPD als stärkste Partei im linken Spektrum abzulösen, scheint zum Greifen nahe. In Bayern, wo demnächst gewählt wird, ist das zumindest in den Umfragen bereits gelungen. Dort liegen die Grünen mit 17 Prozent deutlich vor der SPD mit zwölf. Dass die Grünen bei der Bundestagswahl vor einem Jahr noch um den Wiedereinzug in den Bundestag bangen mussten und dann sehr froh über 8,9 Prozent waren, ist fast schon in Vergessenheit geraten.

Dass das neue Spitzenduo an dieser positiven Entwicklung entscheidenden Anteil hat, wird bei den Grünen von niemandem bestritten. "Die neue Parteiführung ist gut drauf", lobt zum Beispiel Grünen-Urgestein Jürgen Trittin. Dass die Grünen nun von zwei Realos geführt werden, stört ihn, der immer zum linken Flügel gehörte, nicht. "Die Grundhaltung, wir stehen zu unseren Werten, aber wir sind ganz praktisch dabei, die ist doch gut".

Ein gutes Team

Die europapolitische Sprecherin der Grünen, Franziska Brantner, führt den Erfolg auch auf die gelungene Teamarbeit der beiden zurück. "Baerbock und Habeck verbinden Pragmatismus mit dem Bekenntnis zu einer neuen Radikalität, zum Beispiel bei umwelt- oder sozialpolitischen Themen", sagt sie.

Dabei unterscheiden sich die zwei Vorsitzenden in Stil un Auftreten durchaus. Während Habeck gern mal philosophisch abhebt, überzeugt Baerbock durch Sachlickeit und Detailkenntnis. Für den Erfolg des Duos – vor allem, wenn er von Dauer sein soll – dürfte beides wichtig sein.

Es liegt auch am Wetter

Dass es nicht nur eigenes Geschick ist, das die Umfragen in die Höhe treibt, weiß man bei den Grünen aber natürlich auch. Die jetzige Stärke resultiert zum Teil natürlich auch aus der Orientierungslosigkeit der SPD. Anders als diese müssen die Grünen als Oppositionspartei auch keine Kompromisse mit der CSU und Horst Seehofer schließen. So kommt es, dass gerade der Rechtsruck in der Gesellschaft zu einer der treibenden Kräfte des grünen Erfolgs geworden ist.

Die Grünen präsentieren sich als Partei, die in der Flüchtlingspolitik auf Humanität setzt und einen klaren proeuropäischen Kurs fährt. Das treibt ihnen all jene Wähler zu, die genug haben von dem Schlingerkurs, mit dem Union, SPD und in Teilen sogar die Linke auf die Erfolge der AfD reagieren. Auf ihrer Sommerreise erlebt Baerbock das auch ganz praktisch. Nicht im Osten, wo die AfD besonders stark ist, sondern ausgerechnet im saturierten baden-württembergischen Schwetzingen stören AfD-Anhänger eine ihrer Veranstaltungen. Sie schreien "Volksverhetzer" und kritisieren die grüne Flüchtlingspolitik. Hinterher kommt ein Zuhörer zu Baerbock. In der Landwirtschaftspolitik teile er nicht alle grünen Positionen, sagt er. Aber die Souveränität, mit der sie hier auf die rechten Störer reagiert habe, habe ihn doch beeindruckt.

Ein weiterer Grund für den grünen Erfolg ist schlicht das Wetter. Der extrem heiße Sommer hat den Klimawandel wieder ins Zentrum der politischen Debatte gerückt. Baerbock nutzte die Gunst der Stunde und forderte die Bundesregierung auf, ein Klimasofortprogramm vorzulegen. "Das Klimathema wird in den kommenden Jahren noch präsenter werden", sagt der grüne Bundestagsabgeordnete und frühere bayerische Landeschef, Dieter Janecek. Für die Grünen sei das eine Chance, "politisch in neue Dimensionen vorzustoßen".