An einem warmen Abend in dieser Woche steht Robert Habeck auf einer Bühne unter einem weiß-blauen Bierzelthimmel und sieht ziemlich beeindruckt aus. Er lässt seinen Blick über die Bänke schweifen, auf denen Junge und Alte, Männer und Frauen, Trachten- und T-Shirt-Träger eng beieinandersitzen. Von da oben muss es so aussehen, als seien die Grünen bereits das geworden, wozu ihr Bundesvorsitzender sie erst noch machen will: eine Volkspartei. "Ich glaube, das ist die größte Versammlung, vor der ich je geredet habe", sagt Habeck. 

1.800 Menschen sind auf Einladung der Grünen in das große Festzelt in Dachau gekommen. Eine ziemlich große Menge, wenn man bedenkt, dass der grüne Ortsverband hier gerade mal 65 Mitglieder hat. Besonders ungewöhnlich ist der Zulauf für die bayerischen Grünen derzeit trotzdem nicht. Als wenige Tage zuvor ihr früherer Vorsitzender Cem Özdemir zu einem fränkischen Weinfest kam, wollten 1.300 Leute ihn hören.

Die Grünen haben in Bayern derzeit das, was man einen Lauf nennt. In sechs Wochen wird hier ein neuer Landtag gewählt. Umfragen zufolge könnte die Partei bei 15 bis 17 Prozent landen und damit zweitstärkste Kraft im Landtag werden, vielleicht sogar Regierungspartner der CSU, die ihre absolute Mehrheit aller Voraussicht nach verlieren dürfte.

Neugier und Unsicherheit

Längst nicht alle, die an diesem Abend nach Dachau gekommen sind, sind allerdings bereits überzeugte Grünen-Anhänger. Manche sind auch eher wegen des Biers hier, wie sie unumwunden zugeben, oder weil sie halt immer kommen, wenn im großen Festzelt was los ist. Andere dagegen treibt die Neugier – und auch die Unsicherheit.

Sie habe in der Vergangenheit immer CSU gewählt, sagt zum Beispiel eine ältere Dame im gelb karierten Sommerkleid. Doch diesmal zögert sie. Grund sei der neue bayerische Ministerpräsident. "Dem Söder seine Art" gefalle ihr nicht. Aber ob sie deswegen die Grünen wählen wird? Ein zweifelnder Blick. "Mal sehen." Ein paar Tische weiter sitzt eine jüngere Frau, von Beruf Wirtschaftspsychologin. Sie und ihre Freundin sind im Dirndl gekommen. "Diesmal weiß man gar nicht, wen man wählen soll", sagen die beiden. Da guckt man halt mal, was die einzelnen Parteien so zu bieten haben.

Im Festzelt in Dachau: Sie studiert regenerative Energien, er Elektrotechnik. Ihre Wahlentscheidung haben beide schon getroffen. © Katharina Schuler für ZEIT ONLINE

Für die Grünen ist das Chance und Herausforderung zugleich. Der Rechtsruck, den die CSU in den vergangenen Jahren hingelegt hat, um AfD-Wähler zurückzugewinnen, hat Platz in der Mitte geschaffen. Habeck gibt an diesem Abend eine Kostprobe davon, wie er diesen zu besetzen gedenkt.

Normalfall der Demokratie

Genau wie die Leute in Schleswig-Holstein seien auch die Bayern, ein "harter, bodenständiger Schlag", der Herzlichkeit mit Klarheit kombiniere, schmeichelt er dem Publikum. Er zeigt sogar Mitgefühl mit der dahinsiechenden CSU. "Jede politische Niederlage tut weh", sagt Habeck. Aber dass Wahlen verloren gingen, das sei doch keine Katastrophe, sondern – hey – der Normalfall der Demokratie. "Kein Land gehört nur einer Partei allein", ruft er. Das bringt ihm sehr viel Jubel ein.

Er bemüht sich aber auch darum, Brücken zu schlagen, zu all jenen, die vor den Grünen vielleicht doch noch ziemlich viel Angst haben. Die Landwirte zum Beispiel. Mit und nicht gegen die Bauern wollten die Grünen für mehr Ökologie im Agrarsektor sorgen, versichert Habeck. Kein Bauer stehe doch morgens auf, um den Boden zu vergiften. "Wir brauchen ein neues Bündnis von Landwirten und Umweltschützern." Den weltweiten Klimaschutz wiederum verkauft er als eine wichtige Maßnahme gegen steigende Flüchtlingszahlen. Und allen, die die Grünen immer noch für Spaßbremsen halten, versichert er: "Ein bisschen unkorrekt sein, ein bisschen Laissez-faire, das macht das Leben doch erst zum Leben." Genau deswegen aber, weil man die Rettung der Welt nicht dem Einzelnen überlassen könne, brauche es klare politische Regeln, für die die Grünen einstünden.

Vor und nach Habecks Auftritt rockt eine Band namens CubaBoarisch 2.0 den Saal. Sie kombinieren Alphorn mit Conga-Trommeln, Polka mit lateinamerikanischen Rhythmen. Nicht immer ist bei ihnen leicht zu unterschieden, ob sie gerade bayerisch oder spanisch singen. Habeck ist begeistert. Wie die Band sollten auch die Grünen Tradition und Aufbruch kombinieren, fordert er. Und macht dann sogar Anleihen bei dem früheren CSU-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber: "Laptop und Lederhose – lasst uns das endlich umsetzen."

Spitzenkandidatin im Dirndl

Modernität und Tradition zu verbinden, das ist auch das Motto der bayerischen Spitzenkandidaten Ludwig Hartmann und Katharina Schulze. Schulze, 33 Jahre alt, die blonden Haare zu einem kleinen Knoten zusammengebunden, ist an diesem Abend im Bierzelt mit dabei, selbstverständlich im Dirndl. Sie sei ein Fan von Stadl- und Volksfesten, bekennt sie. Seit 2017 ist die studierte Psychologin gemeinsam mit Hartmann Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag.

Dass sie Kampagne kann, hat sie in der Vergangenheit auch schon bewiesen. Sowohl den Volksentscheid gegen die dritte Startbahn am Münchner Flughafen als auch gegen die bayerische Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 hat sie mitorganisiert, beide waren erfolgreich. Nun steht ihre nächste große Herausforderung an: "Hallo Dachau", ruft sie an diesem Abend in den Saal. "In 54 Tagen ist die absolute CSU-Mehrheit Geschichte."

Schulze – ein Energiebündel, das fast immer vor guter Laune überzusprühen scheint – beherrscht den Tonfall, der hier gefragt ist. Sie lästert ein bisschen über die "digitalen Flachwurzler von der CSU", die es immer noch nicht geschafft hätten, dass es in Bayern überall schnelles Internet gibt. Und mit Blick auf Horst Seehofer stellt sie fest, angesichts der großen Herausforderungen der Gegenwart habe man "für die Eitelkeiten älterer Männer" schlicht keine Zeit mehr.

Auch Schulze schlägt allerdings Töne an, die man von den Grünen so bisher nicht gewohnt war. Sie kritisiert das von der CSU durchgesetzte neue Polizeiaufgabengesetz klar. Aber sie macht eben auch deutlich, dass sie sich für die Interessen von Polizisten einsetzen will. Die Wirtschaftspsychologin im Dirndl wird hinterher sagen, eigentlich sei sie ja wegen dem Habeck gekommen, aber die Schulze habe sie noch mehr überzeugt. "Die kann Bierzelt."