Ein Mann mit Mütze in Deutschlandfarben und Sonnenbrille kommt auf die Kamera zu. "Hören Sie auf mich zu filmen", wiederholt er unablässig. "Sie begehen eine Straftat." Die Kamera bewegt sich rückwärts, man hört die Stimme des Kameramanns: "Gehen Sie doch weiter." Doch das tut der Mann nicht, vielmehr geht er weiter auf die Kamera zu, wiederholt sich ständig, fordert den Kameramann auf, mit zur Polizei zu kommen. Kurz darauf ist das Kamerateam von Polizisten umgeben. Das sei eine polizeiliche Maßnahme, sagen die Beamten. Eine Dreiviertelstunde halten sie das Team auf, das im Auftrag des ZDF unterwegs ist. So ist es auf dem Video des Kameramannes zu sehen, so berichten es die Journalisten.

Der Vorfall ereignete sich nach dem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Dresden am Donnerstag. Pegida-Anhänger hatten lauthals vor dem Landtag demonstriert. Einige von ihnen waren auf dem Heimweg, als das Kamerateam eine Straßenszene filmte. Offensichtlich fühlten sie sich von den Dreharbeiten gestört. Die Polizisten betrachteten ihre Beschwerden offenbar als Anzeige und hielten die Journalisten auf.

Seither hat sich der Fall zu einem Politikum entwickelt. Nachdem die Journalisten ihre Bilder am Freitag veröffentlicht hatten, kritisierten sowohl die sächsischen Grünen als auch die Linken das Vorgehen der Beamten. Die Grünen warnten, Polizisten dürften sich nicht von erklärten Gegnern der freien Presse instrumentalisieren lassen. Die Linken warfen den Beamten vor, sich zu "Handlangern" von Pegida-Anhängern zu machen.

Ministerpräsident lobt Polizisten

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sieht das allerdings ganz anders. Den Tweet eines der betroffenen Journalisten, der das Video des Vorfalls enthält, kommentierte Kretschmer so: "Die einzigen Personen, die in diesem Video seriös auftreten, sind Polizisten." Der Vorfall werde "ohne Frage" aufgeklärt. Der Polizeipräsident habe angeboten, mit den betroffenen Journalisten zu sprechen.

Die Reaktion hat zu weiterer Kritik geführt. Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, schrieb: "Ich sehe Polizisten, die nicht begründen, warum sie Journalisten an ihrer Arbeit hindern. Ich sehe Pegida, die die freie Presse beschimpfen." Ein Ministerpräsident, der finde, das Handeln der Polizisten sei seriös, müsse sich fragen lassen, ob er auf der Seite von Demokratie und Freiheit stehe.

Am Sonntag äußerte sich Kretschmer erneut. Seine Aufgabe als Ministerpräsident sei es auch, sich vor die Beamten zu stellen, "und das mache ich". Die Sache werde in aller Ruhe aufgearbeitet. Dazu wird Kretschmer in der kommenden Woche Gelegenheit haben: Grüne und Linke haben angekündigt, den Fall vor den Innenausschuss des sächsischen Landtags zu bringen.