Einen passenderen Ort, um über Europa zu reden, hätte sich die promovierte Physikerin Angela Merkel nicht aussuchen können: Die Imaginata im Norden Jenas war ein Umspannwerk voll Schaltanlagen zur Verbindung unterschiedlicher elektrischer Spannungsebenen. Heute ist die Imaginata eine Art begehbares Physikmuseum, das die Vorstellungskraft anregen soll.

Die Bundeskanzlerin hat etwa 60 Bürgerinnen und Bürgern hierher eingeladen: Junge, Alte, Akademikerinnen und Arbeiter. Gemeinsam wollen sie über die Zukunft des Kontinents diskutieren, vielleicht ein bisschen phantasieren. Es ist Merkels erster öffentlicher Auftritt nach den Sommerferien. In ihren Urlaub hatte sie sich mit einer für ihre Verhältnisse ungewöhnlich emotionalen Sommerpressekonferenz verabschiedet. "Ich werde mich gegen gewisse Erosionen von Sprache sehr wenden", sagte sie zur Unionskrise und: "Man kann schon sagen, dass der gewohnte Ordnungsrahmen unter Druck steht." Mit Europa nimmt sie sich wieder eines schweren Themas an und das auch noch in Ostdeutschland.

Bürgerdialog heißt das Format, mehrere Ministerien beteiligen sich daran. Den Auftakt machte Finanzminister Olaf Scholz im Mai mit einem Besuch bei Schülerinnen und Schülern in Berlin, später besuchte der Entwicklungsminister Gerd Müller eine Berufsschule im Kempten, Justizministerin Katarina Barley traf Interessierte in der Redaktion des Trierischen Volksfreunds. Nun ist Merkel an der Reihe, im Oktober ist Schluss. Danach werden die Gesprächsthemen gesammelt und verglichen. Das Experiment findet so ähnlich auch in anderen EU-Staaten statt. Die Kommission will von den Menschen wissen, wie sie denken.

Natürlich sind Flüchtlinge ein Thema

Regina Wagner, eine ältere Dame im Publikum, will vor allem, "dass nach oben kommt, was bei den Kleinen los ist". So sehen das viele Teilnehmende, lokale Medien hatten sie eingeladen. "Wenn Merkel schon mal da ist, will ich die Chance nutzen, sie auf dringende Probleme hinzuweisen", sagt ein Student aus Jena. Etwa die Bekämpfung von Fluchtursachen.

Die Teilnehmenden sitzen überpünktlich in kleinen Gruppen an runden Tischen, sie hatten sich bereits für einen Workshop zusammengefunden. Es ist still, Filzstifte quietschen über bunte Pappkartons – eine konzentrierte, freundliche Arbeitsatmosphäre. Eine Moderatorin will von ihren Gästen wissen, welche Rolle die EU in ihrem Alltag spiele, viele schreiben eifrig eine Antwort auf. Dann ein paar Abstimmungen per Karte: Wer hat sich schon mal über die EU geärgert? Fast jeder im Raum. Überwiegen die Vorteile? Bis auf drei heben alle den Arm.

Jetzt steht Merkel da, ein Mikrofon in der Hand, die andere lässig an ein Rednerpult angelehnt, vor ihr ein Oval aus grauem Teppich, auf den Stufen drumherum haben die Teilnehmenden Platz genommen. Natürlich sind Flüchtlinge ein Thema, sogar eines der Ersten. Ein Bürger will wissen, was die EU zur Integration beitragen kann. Eine andere Bürgerin fragt: Sind Zäune wie die von Viktor Orbán eine Lösung? Der Nächste will wissen: Wie konnte es so weit kommen, dass die Lebensmittelrationen für syrische Flüchtlinge gekürzt wurden?