Der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, hat davor gewarnt, die Folgen der Migrationsbewegungen für Europa zu dramatisieren. Natürlich habe es eine Krise gegeben, als im Jahr 2015 viele vor allem nach Deutschland kamen, sagte Grandi der Bild-Zeitung. "Aber die wirklichen Flüchtlingskrisen waren und sind in Afrika, im Nahen Osten, in Asien." 

Es sei auch falsch, wenn Rechtspopulisten wie Italiens Innenminister Matteo Salvini von einem Notfall sprächen, kritisierte Grandi. "Ich bin gerade von einer Reise nach Bangladesch zurückgekehrt, wo Sie eine Million Flüchtlinge unter schlimmsten Bedingungen haben. Dort haben Sie einen Notfall – aber doch nicht in Europa!"

Grandi kritisierte zudem rechte Rhetorik, wonach es sich um eine "Invasion" handle. "Davon zu reden, dass es eine Invasion in Europa gibt, dass wir ein Kontinent sind, der von Menschen belagert wird, die kommen, um uns auszunutzen, ist zutiefst falsch." Diese Art von Sprache sei gefährlich, weil sie Flüchtlinge, Migranten und andere stigmatisiere und Rassismus, Hass und Fremdenfeindlichkeit fördere.

Effizientere Asylverfahren nötig

Nur ein Teil der Menschen, die das Mittelmeer überqueren, seien tatsächlich Flüchtlinge, sagte Grandi. Viele kämen aus anderen Gründen – etwa weil sie versuchten, Arbeit zu finden, oder sich eine bessere Lebensqualität wünschten. "Sie kommen, weil es einen reichen und einen armen Teil der Welt gibt. Das Komplizierte ist, dass die beiden Ströme zusammen verlaufen." Die öffentliche Debatte über Migration werde deshalb aufgeregter und nervöser, weil dieser Unterschied nicht mehr deutlich gemacht werde. 

Grandi forderte auch, die Einwanderung in Europa besser zu verwalten. Asylverfahren müssten zwar gründlich, aber effizienter und schneller als bisher geführt werden, sagte der UN-Hochkommissar. Wichtig sei auch, Missbrauch zu vermeiden: "Sie müssen auch in der Lage sein, diejenigen, die nicht als Flüchtlinge anerkannt sind, schnell nach Hause zu schicken – natürlich auf menschliche Weise." Ankunftsstaaten wie Deutschland brauchten dazu Abkommen mit den Herkunftsstaaten.

Laut dem Europäischen Unterstützungsbüro für Asylanfragen (EASO) ist die Zahl der Asylanträge im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Insgesamt wurden in der EU 2017 demnach 728.470 Anträge und damit 44 Prozent weniger als 2016 gestellt. Vorläufige Daten aus den ersten Monaten dieses Jahres deuten darauf hin, dass es 2018 noch einmal etwas weniger geben wird: Laut EASO wurden in der ersten Hälfte durchschnittlich 50.000 Asylanträge pro Monat gestellt.