Unmittelbar nach der Einführung der ersten Ankerzentren für Flüchtlinge in Bayern hat eine Gruppe von Migrationsforscherinnen und -forschern vor möglichen negativen Folgen gewarnt. "Die Ankerzentren sind keine Lösung, sondern werden bestehende Probleme verschärfen und neue schaffen", so Sabine Hess von der Georg-August-Universität Göttingen, die auch Mitglied des Rates für Migration ist. Gemeinsam mit vier Kollegen hat sie für den Mediendienst Integration eine Studie erstellt.

Allerdings können sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darin nicht auf Erfahrungen mit Ankerzentren stützen. Die ersten wurden schließlich erst in der vergangenen Woche in Bayern in Betrieb genommen. Hess und ihre Kollegen haben vielmehr Studien aus den vergangenen Jahren über das Leben in Sammelunterkünften ausgewertet und ziehen daraus entsprechende Rückschlüsse.

Die Besonderheit der Ankerzentren besteht darin, dass Flüchtlinge dort von der Ankunft bis zur endgültigen Entscheidung ihrer Asylverfahren oder bis zu ihrer Rückführung bleiben sollen. Alle wichtigen Behörden sind hier konzentriert. Die Zentren sollen Raum für bis zu 1.500 Menschen bieten. Flüchtlinge dürfen während ihres Aufenthalts dort nicht arbeiten oder an Integrationskursen teilnehmen. Sie sollen vorwiegend Sachleistungen erhalten. Der Aufenthalt soll maximal 18 Monate für Alleinreisende und sechs Monate für Familien dauern.

Keine Beschleunigung der Verfahren

Hess erwartet durch die Durchführung der Asylverfahren in Ankerzentren allerdings keine kürzere Verfahrensdauer. Diese ließe sich nur durch eine Erhöhung des Personals beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) erreichen oder auch durch eine gezieltere Rechtsberatung. Die Kommunen, die künftig nur anerkannte Flüchtlinge aufnehmen müssten, würden ebenfalls nur vordergründig entlastet. Denn da Flüchtlinge in den Ankerzentren keine Integrationsangebote bekämen, seien Unterstützungs- und Beratungsbedarf hinterher umso größer. Auf die Standorte der Ankerzentren kämen schon allein aufgrund deren Größe steigende Belastungen zu.

Hess kritisierte insbesondere, dass es keine Mindeststandards für Gruppen mit besonderen Bedürfnissen wie etwa Kinder oder alleinreisende Frauen gibt. Diese würden aber von der EU-Aufnahmerichtlinie vorgeschrieben. "Auch Flüchtlinge haben Rechte", betonte Hess.

Jane Wangari vom Verein Women in Exile, die selbst lange in bayerischen Transitzentren gelebt hat, bestätigte die Kritik der Wissenschaftler. Aufgrund des verordneten Nichtstuns verlören Flüchtlinge in den Großeinrichtungen ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. Auch der Mangel an Privatheit und die dauernde Angst vor Abschiebungen, die in den bisherigen bayerischen Transitzentren an der Tagesordnung gewesen seien, seien "sehr traumatisierend", berichtet Wangari. Zudem sei die medizinische Versorgung oft unzureichend gewesen. So habe es in einer Einrichtung für 400 Kinder nur einen zuständigen Kinderarzt gegeben, der auch nur gelegentlich gekommen sei.

Tanzkurse für Flüchtlinge

Dagegen zeigen die Erfahrungen aus Heidelberg, dass die Idee, unterschiedliche Behörden an einem Ort zu konzentrieren und so Verfahren zu beschleunigen, durchaus gelingen kann. Dies bestätigte Markus Rothfuß, der das dortige Ankunftszentrum leitet, das sogar eine Kapazität für 2.000 Flüchtlinge hat und damit noch größer ist als die geplanten Ankerzentren.

Um Probleme mit den Anwohnern zu verhindern, wurden Streetworker eingebunden. Das Deutsche Rote Kreuz, Diakonie und Caritas sorgen für eine unabhängige Verfahrensberatung. Außerdem wurden Schutzräume für Frauen und Kinder eingerichtet. Auch eine Kinderbetreuung und ein Jugendzentrum gibt es. Um den Flüchtlingen trotz des verordneten Nichtstuns einen strukturierten Tagesablauf anzubieten, organisieren Ehrenamtliche dort Deutschkurse, bieten Tanzkurse oder Krafttraining an.

Im Gegensatz zu den nun in Bayern eingerichteten Ankerzentren, die nach dem Willen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) auch in allen anderen Bundesländern entstehen sollen, bleiben die Flüchtlinge hier aber nur relativ kurz. Die Regelverweildauer beträgt etwa sechs Wochen, sagt Rothfuß. Danach werden die Flüchtlinge in Erstaufnahmeeinrichtungen oder auf die Kommunen verteilt. Nur in Einzelfällen bleiben sie bis zu sechs Monate im Ankunftszentrum.

Einen Zaun gibt es um die Einrichtung auch. Der diene allerdings in erster Linie dem Schutz der Bewohner, betont Rothfuß. Diese könnten die Einrichtung jederzeit verlassen. Anders als in den Ankerzentren sind Abschiebungen aus dem Ankunftszentrum die Ausnahme, nicht die Regel. Die psychische Belastung der Bewohner sei deswegen geringer. In Baden-Württemberg jedenfalls ist man mit diesem Modell zufrieden. Eine Übernahme des bayerischen Ankerzentrenmodells werde auch von der im Land mitregierenden CDU nicht gefordert, betont Rothfuß.