Es ist eine ungewohnte Rolle, die Horst Seehofer, Chef der sonst so kraftstrotzenden bayerischen Staatspartei CSU, derzeit einnimmt: Er sitzt in der Sonne vor dem Berliner Reichstag und bittet im Interview mit der ARD seine Koalitionspartner, ihm die Landtagswahl im Oktober zu retten.

Es geht um die sogenannten Ankerzentren für Flüchtlinge. Was das sein soll, steht nur grob im Koalitionsvertrag. Die konkrete Ausgestaltung überlässt Seehofer den Ländern – alles andere hätte wohl eine Grundgesetzänderung gebraucht. Und jetzt beklagt sich der Innenminister bei der Kanzlerin, dass bis auf Bayern und Sachsen kein Land mitmachen will. "Ja, die Parteivorsitzenden von CDU und SPD müssen dafür sorgen, dass das, was sie unterschrieben haben, was sie als Koalitionspartner mit der CSU vereinbart haben, auch durchgesetzt wird", sagt er. Angela Merkel soll also für Seehofer ihre Ministerpräsidenten überzeugen, damit der CSU-Chef hinter eines der blau-weißen Lieblingsprojekte einen Haken setzen kann.

Reden über Flüchtlinge ist ein Reden übers eigene Scheitern

Und auch bei einem zweiten CSU-Schlüsselthema hat sich die Partei zum Bittsteller degradiert: Bis zum Ende der Woche will Seehofer Klarheit darüber haben, ob er Rückführungsabkommen mit Italien und Griechenland bekommt. Das ist eine dieser typischen Seehofer-Fristen – ursprünglich wollte er schon im Juli Ergebnisse dazu vorweisen.

Die Rückführungsabkommen sind der zentrale Punkt aus dem Asylkompromiss zwischen CSU, CDU und SPD. Die CSU hätte lieber Flüchtlinge, die in einem anderen Land einen Asylantrag gestellt haben, direkt an der Grenze zurückgewiesen. Aber das wollte die Kanzlerin nicht. Nun muss Seehofer hoffen, dass die Regierenden in Rom und Athen Rücksicht auf bayerische Befindlichkeiten nehmen. Eine äußerst unangenehme Situation, politisch so ausgeliefert zu sein. Zumal, wenn man als CSU eine absolute Mehrheit verteidigen will.

Beide Punkte, Ankerzentren und Rückführungsabkommen, zeigen, warum die CSU mit dem Thema Flüchtlinge derzeit nur verlieren kann. Das hat ganz oberflächlich mit tagespolitischer Arithmetik zu tun: Tritt die CSU wie in den letzten Monaten weiter zu schroff auf, verliert sie in der Mitte und in den christlichen Milieus. Zudem verschreckt sie die Schwesterpartei. Und der Streit der vergangenen Wochen hat gezeigt: Ist man einmal drin in so einem Strudel aus Streit und Schuldzuweisungen, kommt man nicht mehr so leicht raus. Die Quittung sind die aktuellen Umfragen, die die Union im Bund auf einem Allzeittief unter 30 Prozent sehen.

Auf der anderen Seite kann sich die CSU eine allzu lasche Ansprache bei dem Thema auch nicht erlauben – das gehört schließlich zum Selbstbild und würde ganz rechts neue Räume entstehen lassen.

Söder geht schon auf Distanz zu Berlin

Aber da ist noch ein Mechanismus hinter dem selbst verschuldeten Dilemma der CSU: Je radikaler ihre Rhetorik wurde, umso größer wurde die Differenz zum Erreichten – und zum Erreichbaren. Jeder Kompromiss – und davon wird es in einer Berliner Koalitionsregierung mit zwei anderen Partnern ebenso wie in einem Europa der 28 Regierungen noch viele geben müssen – wird, verglichen mit der Ausgangsforderung, lächerlich klein wirken. Je mehr die CSU also über Flüchtlinge redet, desto mehr macht sie auf ihr eigenes Scheitern und ihre Unzulänglichkeiten aufmerksam. Und das kommt nie gut an, besonders nicht im Wahlkampf.

Wie die CSU mit so einer Enttäuschung umgeht, kann sie womöglich schon am Sonntag zeigen, wenn ihr Parteichef ohne bilaterale Abkommen dastehen könnte. Der Glaubwürdigkeitsverlust könnte größer kaum sein.

Einer hat das übrigens noch vor Seehofer gemerkt, wenn auch nur wenige Tage früher: Markus Söder. Gerade noch rechtzeitig hat er im Asylstreit von maximaler Eskalation umgeschaltet auf maximale Distanz zur Berliner Politik. Söder tourt gerade in allerbester Laune durch bayerische Bierzelte, verspricht allen alles und viel Geld und sonnt sich ansonsten im wirtschaftlichen Erfolg des Freistaats. Die bescheidenen Umfragen erklärt er bisweilen mit dem "völligen Fehlen von Rückenwind aus Berlin". Das Thema Asyl meidet er. Und wenn, dann spricht er lieber über all die Milliarden, die Bayern für Integration ausgibt. Fröhliche, positive Geschichten sollen nach den apokalyptischen Wochen die Stimmung an der Basis heben. Zumindest bis zum Ablauf der nächsten Seehofer-Frist.