Der ZDF-Journalist Thomas Walde hat am vergangenen Sonntag ein bemerkenswertes Interview mit Alexander Gauland geführt. Walde befragte den AfD-Chef nicht zu Flüchtlingen. Aber zu vielen anderen Themen. Und siehe da, Gauland gab offen zu: Die AfD hat keine Antworten.

Über den richtigen Weg in der Rentenpolitik sind führende AfD-Politiker uneins, das Zukunftsthema Digitalisierung interessiert Gauland nach eigenen Angaben nicht, Klimaschutz hält er für unnötig. Auch zum Mietwucher in den Großstädten fiel ihm nicht wirklich etwas ein.

Dass der Journalist ihn als Parteichef so blank erwischt hatte, schien Gauland nicht wirklich anzufechten. Erst später beklagte er sich, unfair behandelt worden zu sein. Doch selbst zum AfD-Lieblingsthema Flüchtlinge kennen wir bisher nur Abschottungsforderungen. Aber sind die bis zum Ende durchgedacht? Nur ein Beispiel: Ergibt Klimaschutz nicht doch auch für einen AfD-Wähler Sinn? Eben weil auch die klimatischen Verhältnisse in Afrika die Perspektivlosigkeit verstärken und damit zur Flucht bewegen?

Die AfD muss sich solche Fragen gar nicht stellen. Ihre Anhänger erwarten gar nicht, dass sie logische Konzepte hat. Es läuft auch so für die Partei. Im Bund steht sie in den Umfragen bei 15 Prozent, trotz aller ausländerfeindlichen und nationalistischen Entgleisungen ihrer Funktionäre. Bei den bayerischen Landtagswahlen im Herbst könnte sie laut Umfragen die 12-Prozent-SPD überrunden. Dabei ist die AfD dort noch nicht einmal wirklich in Erscheinung getreten: Sie hat sich sogar bewusst entschieden, keinen Spitzenkandidaten zu nominieren.

Passiv-aggressives Weiter-so

In Hessen, wo zwei Wochen nach Bayern ebenfalls ein neuer Landtag gewählt wird, kam die Partei zuletzt in Umfragen auf 15 Prozent der Stimmen. Ein Standortvorteil ist, dass dort einige AfD-Gründungsmitglieder in Hessen ihre Heimat haben. Die Hessen-CDU galt immer schon als besonders konservativ, einige ehemalige CDUler sind heute AfD-Bundestagsabgeordnete. Gauland zum Beispiel war mal Chef der Wiesbadener Staatskanzlei. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, wo im nächsten Jahr gewählt wird, gibt es Befürchtungen, dass die AfD locker über 20 Prozent der Stimmen bekommt.

Die deutschlandweit guten Ergebnisse der AfD haben mit Zukunftsängsten in Zeiten der Globalisierung und mit dem Unbehagen wegen der Flüchtlingskrise zu tun. Und damit, dass die Anhänger ganz offensichtlich die zunehmend offene Fremdenfeindlichkeit der Partei gutheißen. Es geht aber auch – wie so oft bei Protestparteien – um Unzufriedenheit mit der Politik, um den diffusen Wunsch nach einer Alternative. Auch wenn die planlos ist.

Die bisherigen Parteien werden als "Einheitsbrei" wahrgenommen, es gebe keine politischen Unterschiede und niemanden mehr, der sich "was traut" – was auch immer das sein soll. Die große Koalition in Berlin produziert bei vielen Bürgern nur noch Ermüdung und Verdrossenheit. Dabei hatten Union und SPD im Winter versprochen, diesmal wirklich alles anders machen. Doch wieder droht die Koalition im passiv-aggressiven Weiter-so zu verschwinden.