Markus Söder hatte sich für seine Pläne die größtmögliche Aufmerksamkeit gesichert. Gleich in seiner ersten Regierungserklärung als neuer bayerischer Ministerpräsident sprach er das Thema an: Mithilfe sichtbarer Kreuze in allen Behörden solle die kulturelle Prägung des Freistaats erhalten bleiben, verkündete der CSU-Politiker im April. "Wir bewahren unsere Identität", versprach Söder. Und zu dieser Identität gehört für ihn auch: "Wir sind weltoffen, aber eines ist klar: Jeder, der bei uns leben möchte, der muss sich am Ende an unsere Werte, Sitten und Gebräuche anpassen und nicht umgekehrt."

Wie weit ist die Kreuz-Rollout-Mission drei Monate nach Inkrafttreten und wenige Wochen vor der bayerischen Landtagswahl fortgeschritten? Und was außer Kritik von fast allen Seiten hat sie gebracht?

Glaubt man dem Beamtenbund, ist der Kreuzerlass bei seinen Mitgliedern "insgesamt eher neutral" aufgenommen worden. Und viele Angestellte des öffentlichen Diensts sähen das Ganze als symbolische Auseinandersetzung, "die aber im praktischen Alltag ohne Belang ist", sagt auch Hans Sterr von ver.di Bayern. Gleichzeitig heißt es bei der Gewerkschaft aber, Söders Aussage, das Kreuz sei ein Zeichen abendländischer Kultur und kein religiöses Symbol, werde "praktisch von allen als Unsinn empfunden".

Angestellte könnten sich von den Kreuzen in Behörden jedoch nur repräsentiert fühlen, wenn sie sich dem christlichen Glauben zugehörig fühlten – "und den auch in zumindest leicht missionarischer Absicht vertreten", sagt Sterr. Nichtchristliche Kollegen seien "zumindest befremdet, bis hin zu gestört".

"Die Kollegen haben andere Probleme"

Auch an Polizeistationen müssen jetzt Kreuze hängen. Nach Angaben des Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Peter Schall, gab es darüber durchaus Diskussionen unter den Polizistinnen und Polizisten. Aber ihm sei kein Fall bekannt geworden, in dem sich "atheistische oder anderen Glaubens unterliegende Kollegen gegen das Kreuz aufgelehnt hätten: Die Kollegen haben andere Probleme."

Und was den Publikumsverkehr angehe, könnten die Kreuze schon aus technischen Gründen oft nicht wie vorgeschrieben im Eingangsbereich angebracht werden, weil es dort häufig Sicherheitsschleusen gebe. Doch wenn ein Bürger zur Polizei gehe, habe er "andere Probleme und Gedanken im Kopf, als sich darum zu kümmern, ob da nun ein Kreuz hängt oder nicht", sagt Schall. Zumal manches Kreuz auch sehr unscheinbar und unauffällig sei.

In den Kommunen, wo die Befolgung des Erlasses freiwillig ist, hält sich die Aufregung ebenfalls in Grenzen: Der Direktor des bayerischen Gemeindebundes, Wilfried Schober, sagt, es sei "kommunale Selbstverwaltung in Reinkultur, als Gemeinde selbst darüber zu entscheiden, ob einer staatlichen Empfehlung gefolgt wird oder nicht". Aber ihm seien keine Kommunen bekannt, die sich ausdrücklich gegen den Erlass ausgesprochen hätten. In Bayern sei das Kreuz ohnehin schon Teil der Lebenswirklichkeit: "Wir gehen davon aus, dass mittlerweile in allen staatlichen Behörden ein Kreuz im Eingangsbereich hängt. Den Bürgern wird dies vermutlich gar nicht auffallen."

Kreuze und Integration? Kein Widerspruch, heißt es beim Ministerium

Unklar ist allerdings, wie umfangreich der Kreuzerlass überhaupt umgesetzt wurde. Zwar wurde die Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaats Bayern zum 1. Juni geändert. Seither sind alle Landesbehörden verpflichtet, "als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns" im Eingangsbereich gut sichtbar ein Kreuz aufzuhängen. Doch auf Kontrollen und Sanktionen will die Landesregierung verzichten. Und Hochschulen und Kultureinrichtungen wurden davon ausgenommen.

Die katholische Kirche, die grundsätzlich für mehr Kreuze im öffentlichen Raum ist, hat in den ersten Monaten seit dem Erlass noch keine Zunahme an Kreuzen festgestellt. Auch dem Innenministerium sind nach eigenen Angaben keine Zahlen bekannt, wie viele Kreuze bereits aufgehängt wurden. Es hätten auch schon vor der Anordnung in vielen bayerischen Behörden Kreuze gehangen, heißt es dort. Man freue sich aber über jedes zusätzliche Kreuz in bayerischen Behörden.

Einwände, der Erlass spalte, weist das Innenministerium zurück. Seit Jahrzehnten gebe es Kreuze in öffentlichen Räumen, gleichzeitig gelinge die Integration "bundesweit nirgends so gut wie in Bayern". Ein Widerspruch zwischen Kreuzen im öffentlichen Raum und einer erfolgreichen Integration sei an den Haaren herbeigezogen.

Gegen die Instrumentalisierung von Religion

Die Kirchen sind dagegen nach wie vor verärgert. Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm kritisierte gegenüber ZEIT ONLINE, durch den Erlass sei "das Kreuz im Jahr zwischen die Fronten geraten". Eine "Instrumentalisierung von Religion für staatliche Machtausübung, wie wir sie aus manchen islamischen Ländern kennen", dürfe hier keinen Platz haben.   

Bernhard Kellner, Sprecher des Münchner Erzbischofs Reinhard Kardinal Marx, findet: Man könne so ein Kreuz nicht einfach verordnen. Vielmehr hätte die Landesregierung mit allen gesellschaftlichen Gruppen, auch Vertretern anderer Religionen und Atheisten, sprechen sollen. Ein runder Tisch, den die Landesregierung für Juni angekündigt hatte, um den Streit mit den Religionsvertretern beizulegen, fand bisher jedoch nicht statt. Stattdessen verblüffte CSU-Generalsekretär Markus Blume die Gläubigen im Land mit der Äußerung, seine Partei vertrete das Christentum "offensiver" als die Kirchen.