Der stellvertretende FDP-Chef Wolfgang Kubicki hat mit einer Aussage über die mögliche Mitschuld Angela Merkels an den rechtsextremen Übergriffen in Chemnitz auch in seiner eigenen Partei für Ärger gesorgt. Ria Schröder ist Vorsitzende der Jungen Liberalen, der FDP-Jungorganisation. Im Interview wehrt sie sich gegen den Versuch ihrer Partei, Wähler im rechten Spektrum zu gewinnen.

ZEIT ONLINE:Wolfgang Kubicki hat zu rechtsextremen Übergriffen in Chemnitz gesagt: "Die Wurzeln für die Ausschreitungen liegen im 'Wir schaffen das' von Kanzlerin Angela Merkel". Wie bewerten Sie das?

Ria Schröder: Ich halte es für einen schlechten Ansatz, Frau Merkel dafür verantwortlich zu machen. Für diese Ausschreitungen sind die rechtsextremen Täter verantwortlich, die leider sehr stark sind und auch immer wieder junge Leute für ihre Ideologie begeistern können. Ich warne davor, diese Gewalt zu verharmlosen oder zu rechtfertigen. Das war auch bestimmt nicht das Ziel von Wolfgang Kubicki. Gerade als Bundestagsvizepräsident sollte er aber sehr vorsichtig sein und die demokratischen Kräfte einen und nicht noch gegeneinander ausspielen.

ZEIT ONLINE: Welches Ziel wollte Wolfgang Kubicki denn mit diesem Satz erreichen?

Ria Schröder: Das sollten Sie ihn selber fragen. Ich kann nicht immer nachvollziehen, wo Herr Kubicki seine Positionen hernimmt, und möchte da auch keine Vermutungen äußern.

ZEIT ONLINE: Die FDP hat sich in der Vergangenheit schon häufiger Merkel-kritisch geäußert. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 sagte Christian Lindner im Interview mit ZEIT ONLINE: Die Kanzlerin habe Chaos gestiftet und einen chaotischen "Massenzustrom" verursacht. Sehen Sie das auch so?

Ria Schröder: Die fehlende Ordnung von Einreisen und Verfahren, die insbesondere viele Kommunen 2015 an den Rand der Überforderung getrieben hat, war eine echte Zumutung. Für mich ist aber das Hauptproblem, dass sich abgesehen von dem Deal mit der Türkei seitdem nicht viel verbessert hat. Ein gemeinsamer europäischer Verteilerschlüssel fehlt noch immer, wir diskutieren diesen Sommer wieder über die Seenotrettung, Fluchtursachen wurden nicht bekämpft, ein Einwanderungsgesetz ist immer noch nicht Realität und das Thema Integration wurde ebenfalls viel zu halbherzig angegangen. Das ist frustrierend. Die Bundeskanzlerin und ihre Regierung tragen dafür die Verantwortung und müssen endlich tätig werden. Eine Rechtfertigung für gewalttätige Hetzjagden ist das aber in keinster Weise.

ZEIT ONLINE: Die Reaktionen in der FDP auf den Kubicki-Satz waren zweigeteilt. Vor allem die jungen Politiker – wie Sie oder der Bundestagsabgeordneten Johannes Vogel oder Konstantin Kuhle – haben seine Aussagen verurteilt, während Generalsekretärin Nicola Beer ihm beispielsweise vehement recht gegeben hat. Christian Lindner scheint wieder einmal um Schadensbegrenzung bemüht und hat eine Zwischenposition eingenommen. Ist die FDP gespalten?

Ria Schröder: Eine Spaltung kann ich nicht erkennen. Wir haben uns in den letzten Jahren mit unserem Leitbild – weltbeste Bildung, Vorankommen durch eigene Leistung, Selbstbestimmtheit in allen Lebenslagen, Einsatz für Freiheit und Menschenrechte weltweit, einen unkomplizierten Staat und Politik, die rechnen kann – einen Kompass gegeben, der uns sehr stark eint. Auch wir Julis wollen einen, aber wenn eine Äußerung kommt, wie die von Herrn Kubicki, die wir so nicht stehen lassen können, kommt von uns wenn nötig auch öffentlicher Widerspruch.

ZEIT ONLINE: Man gewinnt immer mehr den Eindruck, dass die FDP nach rechts rückt.

Ria Schröder: Ich habe insgesamt nicht den Eindruck. Und die Richtung der Partei wird nach wie vor durch den Parteitag bestimmt. Ansonsten würden wir noch stärker dagegen vorgehen. Es gibt einige Äußerungen, die mich irritieren …

ZEIT ONLINE: … etwa die von Christian Lindner, dass die FDP in der Flüchtlingsdebatte eher aufseiten der CSU steht als bei Angela Merkel?

Ria Schröder: Ja. Die FDP ist eine Partei der Mitte. Der Versuch, Wähler aus dem rechten Spektrum zu gewinnen, passt dazu nicht. Wir haben eine klare Position, die die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel auch kritisiert, aber nicht auf einer rechten, sondern einer rechtsstaatlichen Haltung basiert.

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie mit rechtsstaatlicher Haltung? Können Sie das konkret machen?

Schröder: Die geltenden Gesetze müssen konsequent angewendet werden. Wenn polizeilich bekannte Gefährder und ausreisepflichtige Personen nicht abgeschoben werden, sinkt das Vertrauen in den Rechtsstaat. Gleichzeitig müssen die gesetzlichen Regelungen bei der Umsetzung von Abschiebungen beachtet werden. Nichtsdestotrotz sehe ich, dass es in der Kommunikation noch Spielraum gibt in der Art und Weise, wie man seine Position erklärt.