Eine Fantasie geht um in Europa, die Fantasie von der Sammlung der Linken – ja, eigentlich wabert sie durch die gesamte westliche Welt. Nun weiß man natürlich nicht so genau, was die Linke überhaupt ist. Das liegt auch ein wenig daran, dass ein Großteil der Energie vieler Linker dafür draufgeht, anderen Linken vorzuhalten, dass sie gar keine echten Linken seien. Womit wir schon mitten im Problem sind.

Die Linken haben eine Gewissheit: Dass es gar nicht gut um die Linken steht. Aber sie haben darüber hinaus auch einen Verdacht: Dass das nicht so sein müsste.

Von der Art etwa: Im Grunde hätten wir viele Menschen auf unserer Seite, es wäre doch gar nicht so schwer, sie für die linken Grundideen, also Gerechtigkeit und Freiheit, zu begeistern. Aber das Problem ist, dass es der Linken an Einigkeit fehlt, an lebendigen Parteien und an Mut zu ambitionierten Zielen. Und darüber hinaus auch an integrativen Spitzenpersonen, in denen sich die Hoffnungen breiter Bevölkerungskreise verdichten können.

All das ist sicherlich nicht ganz falsch.

Jetzt also eine "Sammlungsbewegung" in Deutschland – "Aufstehen". Sahra Wagenknecht hat sie eingefädelt, durch geschicktes Netzwerken. Keine Partei soll das werden, Gott behüte. Eine Bürgerbewegung, die sowohl Schauspieler, Autoren, Wissenschaftlern als auch einfache unzufriedene Aktivisten umfasst. Ein Zusammentun von unten, von der Basis. Klingt schön. Aber ist es das auch?

Von den Grundideen her zweifelhaft

Sieht man sich das ganze genauer an und denkt darüber nach, wirkt das alles ein wenig wie ein Irrtum, wie eine Mogelpackung und außerdem von den Grundideen her zweifelhaft. Sogar wie ein Irrtum, weil es am Grundproblem hiesiger Linker nichts ändern wird.

Viele blicken ja mit einiger Begeisterung in die USA, wo etwas völlig Unerwartetes geschehen ist: der demokratische Sozialismus hat Millionen von Anhängern gewonnen. Bernie Sanders wurde zu einem Star und hätte beinahe die Präsidentschaftsnominierung der Demokraten gewonnen. Aber das, was er angestoßen hat, ist auch auf den unteren Ebenen wirksam. Packende Figuren wie Alexandria Ocasio-Cortez werden von der Demokratischen Partei in Vorwahlen auf den Schild gehoben und ziehen demnächst wohl mit klaren Mehrheiten in den Kongress ein. Und hat nicht auch ein Linker wie Jeremy Corbyn die Labour-Party in Großbritannien in Umfragen auf 40 Prozent gebracht? Vergleicht das einmal mit den 17 Prozent, bei denen die SPD herumgrundelt!

Nun haben zwar weder Sanders noch Corbyn strategische Mehrheiten bei Wahlen erkämpft, aber die Beispiele zeigen doch auch: sie werden davongetragen, dass das gesamte Lager links der Mitte nicht gespalten ist, sondern vereint. Die Sanders-Leute nutzen die alte verstaubte Demokratische Partei als ihre Plattform, und in Großbritannien gibt es außer Labour nichts von Relevanz auf der Linken. Das hat natürlich auch mit den Wahlsystemen dieser Länder zu tun, führt aber dazu, dass die Linken an einem Strang ziehen, wenn es einen Kandidaten gibt, hinter dem sie sich scharen können.

In Deutschland wird so etwas aber auf absehbare Zeit undenkbar bleiben. Ganz egal, wer da ins Rennen geht, Grüne werden sich für die grünen Kandidaten, Linksparteiler für die der Linken und SPD-Anhänger für eine Sozialdemokratin stark machen (okay, sie werden alle auch an ihren eigenen Frontleuten rumnörgeln, und das ist auch schon Teil des Problems). Und alle anderen werden an der Seitenlinie stehen und sich von den Parteien fernhalten. Daran wird auch eine Sammlungsbewegung von unten nichts ändern. Eine Sammlungsbewegung, die Leute sammelt, die dann in Wahlkämpfen doch nur in Konkurrenz gegeneinanderstehen, ergibt im Grunde nur wenig Sinn und ändert an der mangelnden Mehrheitsfähigkeit einer zerspaltenen Linken nichts.