Ebenso unklar ist noch, wie die Bewegung politisch zu wirken gedenkt. Will sie sich in lokalen Konflikten – Arbeitskämpfen, Mieterprotesten, Bürgerinitiativen – engagieren und diese politisieren, oder soll es ein Diskursprojekt mit ein paar Stammtischen bleiben? Und wie soll es schließlich praktisch gelingen, die linken Parteien weiter nach links zu rücken? Die Antwort auf diese Fragen bestimmt die Gestalt der Bewegung – gehört hat man hierzu bislang: nichts.

Ein anderes Problem steckt im theoretischen Überbau. Denn die losen Enden der Bewegung werden bislang vor allem von einer politischen Analyse zusammengehalten, die man aus den USA etwa von dem Politologen Mark Lilla kennt, und die in etwa so geht: Ein linksliberaler Meinungsmainstream habe sich mit dem Neoliberalismus verbündet, er rede nicht mehr von Klassen und Verteilung, sondern nur noch von Moral und Identitäten und spalte die Gesellschaft in zwei Teile. Hier die Globalisierungsgewinner und Opportunitätsvirtuosen, die von offenen Grenzen materiell und kulturell profitieren. Dort die Bedrohten und Verängstigten, die Zuwanderung vor allem als Konkurrenz am Wohn- und Arbeitsmarkt wahrnähmen und irgendwann in einem Akt der Notwehr schließlich zu den Rechten überliefen.

Was an dieser Interpretation nun stimmt und was nicht, darüber kann man lange diskutieren. Zum Beispiel darüber, ob linksliberale Akademiker nicht ziemliche Globalisierungsverlierer sein können, wenn sie in München Miete zahlen und für Foodora Essen ausfahren müssen. Und ob andersherum der Industriearbeiter seinen Job nicht der Globalisierung verdankt, er also ganz praktisch und unmittelbar vom weltweiten Handel profitiert. Die Globalisierung ist eben eine ziemlich dialektische Angelegenheit.

Kritik statt Aussöhnung

Das Problem aber reicht noch tiefer: Kritisieren und sammeln, das sind zwei sehr unterschiedliche Tugenden. Während der Kritiker entlarvt, muss der Sammler versöhnen, wo der eine die Widersprüche vertieft, muss der andere ausgleichen. Im Zentrum der linken Sammlungsbewegung stehen bisher freilich nicht Aussöhnung und Befriedung – sondern die Kritik.

Im Konflikt innerhalb der Linken, der mit kosmopolitisch versus kommunitaristisch oder libertär versus egalitär stets etwas behelfsmäßig beschrieben wird, droht Wagenknechts Bewegung so selbst zur Partei zu werden. Wo alles Angegrünte und Postmaterielle erst einmal unter Neoliberalismus-Verdacht gestellt wird, stellt sich die Frage, wer da überhaupt gesammelt werden soll. Dabei wäre eine Lösung ja durchaus vorstellbar: Moralischer Fortschritt ist für sich genommen so wenig progressiv wie der nationale Wohlfahrtsstaat. Ökonomie braucht Moral und die Moral Ökonomie, aus beiden Polen der Linken, dem Libertären und Egalitären, muss das Progressive herauspräpariert und zusammengeführt werden und so könnte, zumindest in der Theorie, eine plurale Linke entstehen.

Nichts spricht dabei gegen ein ökonomisch zugespitztes Programm. Doch wenn Sahra Wagenknecht jüngst in einem Interview erklärte, "statt über Sternchen in Worten" müsse man über soziale Probleme sprechen, markiert sie einen Unterschied zu dem Weg ihrer Vorbilder Corbyn und Sanders. Schließlich steht bei ihnen zwar ebenso die soziale Frage im Vordergrund – doch wurde die Allianz aus neuen und alten Linken nicht dadurch hergestellt, dass kulturelle und materielle Emanzipation als Gegensätze verhandelt wurden. Im Gegenteil: Die Gemeinsamkeiten wurden herausgestellt, das Trennende möglichst reduziert. Das ist das nicht besonders komplizierte Basisrezept einer jeden Sammlung.