Steve Hudson ist gebürtiger Londoner. Heute lebt der 49-Jährige mit seiner deutschen Frau in Köln und hat seit zehn Jahren ebenfalls einen deutschen Pass. 2017 trat er in die SPD ein, später wurde er Vorsitzender des Vereins NoGroKo. Nun engagiert er sich für die linke Sammlungsbewegung von Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. Yannick Haan, 31 Jahre alt und Vorsitzender des SPD-Ortsverbands Berlin Alexanderplatz, leidet durchaus auch an seiner Partei. Trotzdem glaubt er: Volkspartei sticht Sammlungsbewegung. Ein Pro und Contra. 

Pro

Hoffnung ist kostbar. Und sie kann Hunderttausende begeistern und die Demokratie erneuern. Das hat man in Großbritannien bei der Labour Party gesehen. Mit der Wahl Jeremy Corbyns als Parteivorsitzender hat Labour eine Linkswende vollzogen – trotz (und auch wegen) des furiosen Widerstands des Partei- und Medienestablishments. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Zahl der Labour-Mitglieder auf fast 600.000 verdreifacht. Bei der Unterhauswahl wurde der Niedergang Labours vorhergesagt. Stattdessen sprang sie auf fulminante 40 Prozent, mit einem klaren linken Wahlprogramm, das die Jugend inspirierte und mobilisierte. Ähnlich beflügelt hat die Kampagne von Bernie Sanders in den USA.

Solch eine Hoffnung könnten wir in Deutschland gut gebrauchen. Ich bin der SPD beigetreten, als Martin Schulz im Wahlkampf 2017 die Agenda 2010 kritisierte. Für Millionen Menschen schien plötzlich eine neue SPD und ein besseres Deutschland möglich. Schulz’ Agendakritik wurde aber schnell wieder begraben – und damit der kurze Höhenflug der SPD gestoppt. Nun sitzen wir in der bleiernen Realität von GroKo und "Weiter so".

Dabei ist immer mehr Menschen klar: So kann es nicht weitergehen: mit massiver Ungleichheit, drohendem Klimakollaps, dem Siegeszug der Rechten, Krieg als Dauerzustand und einem Massengrab im Mittelmeer. In der Gesellschaft gibt es klare Mehrheiten gegen Ungerechtigkeit, gegen Kriegseinsätze und Waffenexporte, für eine faire Besteuerung von Konzernen und Vermögen. Nur: Dafür gibt es keine Mehrheiten im Bundestag.

In Deutschland ist die Linke schwach und zerstritten, zersplittert zwischen drei Parteien, gefangen zwischen Karrieristen, Funktionären und starren Ideologen. Vor allem grassiert die "Ausschließeritis". Viele tun so, als stünden die schlimmsten Feinde links. Damit sich wirklich etwas ändert, müssen wir uns organisieren: über Parteigrenzen hinweg, und vor allem jene Menschen, die sich von der Politik vergessen fühlen. Das heißt: Wir brauchen eine linke Sammlungsbewegung.

Nun rufen Sahra Wagenknecht und andere #Aufstehen ins Leben – und die Empörung ist groß. Ausgerechnet Wagenknecht! Einige schreien, sie wolle nur spalten, einen eigenen Fanclub gründen. Das kann man aber verhindern, indem man einfach mitmacht. Die einzige Spaltung ist die reflexartige Abgrenzung.

Andere kritisieren #Aufstehen als "Kopfgeburt". Juso-Chef Kevin Kühnert sagt, eine Bewegung "entsteht dynamisch, von unten, aus der Bevölkerung heraus". Will Kevin allein zu Haus warten, bis eine Bewegung an seine Tür klopft? Die Sehnsucht nach Veränderung ist längst da, wie die Zehntausenden Anmeldungen bei #Aufstehen beweisen. Damit eine Bewegung erfolgreich ist, muss sie aber die Sehnsucht auch organisieren und bündeln. Kevin, du bist herzlich willkommen – mach mit!

Manche in der Linkspartei meinen, #Aufstehen wäre zu sozialdemokratisch. Aus der SPD hört man schrille Stimmen, Wagenknecht sei linksnational – merkwürdig für eine Partei, die gerade Seehofer, Dobrindt und Spahn zu Ministern und die AfD zum Oppositionsführer gemacht hat. Vor allem aber wird argumentiert, man teile manche Ansichten Wagenknechts nicht. Na und? Ich auch nicht. Aber indem ich bei #Aufstehen mitmache, gebe ich meine Gesinnung doch nicht auf.

Ich bin Internationalist, Europäer – und kämpfe für die Solidarität aller Menschen, egal welcher Herkunft. Internationalismus heißt aber nicht, eine ungehemmte Globalisierung wie bei TTIP zu fördern. Europäer sein heißt nicht, Griechenland in die Depression zu schicken. Und Fremdenfeindlichkeit bekämpfen heißt nicht zu leugnen, wie sie entsteht. Denn der Rechtsruck, den wir heute erleben, ist kein Naturphänomen. Er ist – wie der Klimawandel – menschengemacht.

"Weiter so" ist der Treibstoff für die AfD. Deutschland war noch nie so reich. Aber ständig wird behauptet, es sei kein Geld da. Kein Geld für Kinder in Armut, kein Geld für höhere Renten, kein Geld für die Infrastruktur. Das zerreißt den Zusammenhalt. Wie können wir Geld für Flüchtlinge ausgeben, fragen einige verunsichert, wenn wir kein Geld für Schulen und die Pflege haben? Nur: Das Geld ist doch da! Die Milliarden stecken aber nicht in den Flüchtlingsheimen. Sondern in den geretteten Banken, in transnationalen Konzernen, die keine Steuern zahlen, in Steueroasen und im Vermögen der 40 reichsten Deutschen, die mittlerweile mehr besitzen als die Hälfte der Bevölkerung.

Wir können den Rechtsruck erst stoppen, wenn wir die Mächtigen in Politik und Wirtschaft stellen und umverteilen. Dafür brauchen wir ein starkes Bündnis, bei dem möglichst viele Menschen mitmachen. Vielleicht klappt es nicht. Aber einen Versuch ist es wert. Was haben wir zu verlieren?

Und was ist die Alternative? Noch weitere Jahre auf die immer wieder versprochene Erneuerung der SPD zu warten? Bei Labour kam die Erneuerung dank Einführung einer Urwahl zum Parteivorsitz und Parteivorstand. Diese ermöglichte den Komplettaustausch einer Führungsetage, die das Vertrauen völlig verspielt hat. Nur – das wissen die Befürworter von Hartz IV und der schwarzen Null an der SPD-Spitze nur zu gut. Und deswegen wird sie solche Reformen immer blockieren.

Kurzum: "Weiter so" führt uns in den Abgrund. #Sitzenbleiben ist keine Option mehr. Ich will lieber #Aufstehen.

Steve Hudson